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AUF DEN VERLASSENEN STRASSEN, IN DEN VERGESSENEN GASSEN

von Asmin Gül.

Begründung der Jury für die Auszeichnung:

Asmin Gül erschafft mit „Auf den verlassenen Straßen, in den vergessenen Gassen“ eine überraschende, kraftvolle Tierfabel über Verletzung, Vertrauen und Freiheit. Die sprachliche Energie, die reiche Bildhaftigkeit und die emotionale Tiefe dieses Textes sind bemerkenswert.Es ist eine Geschichte, die gleichzeitig schmerzt und tröstet, die mit originellen Figuren berührt und durch ihre Fantasie leuchtet. Asmins Text zeigt eindrucksvoll, wie groß Literatur sein kann – selbst wenn die Helden Hunde sind.


Der Stadthund guckte durch die Stangen auf den Boden. Es war ruhig, so fühlte es sich an, aber eigentlich war es nur sein Kopf, der nichts sagte. Vor einem Monat war er noch laut. Der Stadthund guckte auf den Boden, es war ein Tag wie jeder. Wieder sagte sein Kopf nichts, wieder war er hinter diesen Gittern, in denen er so wenig Platz hatte. Wieder fragte er sich, was er falsch gemacht hat. „Ey!“ Eine lange Zeit überlegte er noch, was er falsch gemacht haben könnte, aber irgendwann gab sein Gehirn auf. Eigentlich sind Hunde laut. Sie haben viele Gedanken, sie laufen, sie spielen. Wenn sie immer leise sind…sind sie zerstört.

„Ey, Stadthund!“ Der Stadthund wurde aus seinen Gedanken gezerrt und drehte sich zum Pitbull um, der im Gehege neben ihm war. „Hey, lass dein Kopf nicht so hängen, Stadthund. Wir kommen gleich auf den Auslauf!“

„Ich fühle mich eh nicht so, als ob ich irgendwas machen könnte, Pitbull. Am Ende lande ich wieder in diesem Gehege und bereue, dass ich nicht wenigstens ein bisschen gelaufen bin.“

„Dann lauf!“

„Ach, das ist ja auch so einfach, weil mein einziger Freund ja NICHT ein verrückter Hund ist, der versucht, von hier abzuhauen und mit voller Wucht auf den Zaun fliegt, ne? Ach, das Leben ist so schön einfach.“

Der Pitbull drehte seinen Kopf zur Seite. „Ich habe einen Plan, okay?“

„Du bist verrückt, Pitbull.“ Der Stadthund ging näher zur kleinen Lücke, die aus Stangen bestand, mit denen ihre Gehege verbunden waren. „Hey, komm mal näher.“

Der Pitbull kam näher.

„Die anderen hier nennen dich schon nicht mehr Pitbull. Für sie bist du nur der Freak“, flüsterte der Stadthund.

„Was?!“

„Was dachtest du denn? Du fliegst jeden Tag voller Wucht gegen diesen verdammten Zaun und blutest. Das ist verstörend.“

„Tja, irgendwann komme ich eh hier raus und lieber blute ich, als für immer hier zu bleiben. Mein Besitzer wartet auf mich, ich bin weggelaufen.“

„Du warst das?!“

„Ja“, sagte der Pitbull verlegen. Was sie beide aber nicht wussten: In dieser Nacht wird der Pitbull es dem Stadthund endlich erzählen. Wie alles passierte, denn es war ein Versehen.

Aber noch war es Tag…

 

Der Pitbull wusste wenig von der Vergangenheit des Stadthunds. Der Stadthund gab wenig preis. Er wusste nur, dass der Stadthund mal in einer Familie lebte und dann irgendwas passiert war, weshalb er im Tierheim landete.

„Ja, wir kommen raus!“, rief der Pitbull, als er einen Mitarbeiter sah, der die Gehege öffnete. Rauslassen ist einfach. Wenn die Hunde im Gang sind, laufen sie raus. Reinholen… ist ein Kampf.

Es gab Hunde, die so verspielt und aktiv waren, dass sie im Gehege verrückt wurden. Sie wehrten sich, wenn sie rein sollen. Der Stadthund jedoch ist einer der wenigen friedlichen Hunde, und er hasste diese Rebellion: Es gibt den Auslauf nur für Tierwohl! Ohne ihn hätten die Mitarbeiter weniger Arbeit. Jedes Mal, wenn es Zeit ist, in die Gehege zu gehen, ist der Stadthund extra friedlich, um wenigstens ein bisschen Hoffnung zu haben, die Aggression der anderen auszugleichen. Denn er hatte Angst, dass wenn zu viele Hunde aggressiv sind, der Auslauf einfach nicht mehr genutzt wird. Diese Hunde würden nicht zuhören, wenn er es Ihnen erklären würde.

Er stand am Anfang vom Auslauf, die Hunde quetschten sich an ihm vorbei und eigentlich stand er im Weg aber seine Beine waren müde. Er fing an zu rennen. Er rannte, denn sonst würde er es bereuen, es nicht getan zu haben. Im Gehege, wo er nichts anderes tun können würde. Die gnadenlose Sonne brannte auf seinen Rücken, der türkische Sand schoss in die Luft. Sein schwarzes Fell wurde staubig, sein weißes Haar grau.

Wenn es in der Mitte vom Auslauf keinen Wassernapf geben würde, er würde nicht laufen. Er trank immer wieder. Dabei hörte er, wie der Pitbull auf eine der Hundehütten sprang, um zu versuchen, über den Zaun zu springen, der zwei Meter von den Hundehütten entfernt und zwei Meter hoch war. Er sah die staubige Luft, die Sonne blendete. Er sah die Hunde vorbeihuschen.

Es gab die Spieler, die, die nichts taten, einen einzigen Läufer und einen Freak. Die Spieler spielten mit dicken Stöcken, die von Bäumen gefallen waren, der Pitbull war der einzige, der Freak genannt wurde, eine Gruppe tat nichts und er lief.

 

Der Stadthund saß in seinem Gehege. Es war Nachmittag, das Tierheim war geöffnet und die Hunde blieben jetzt nur noch im Gehege. Er wollte nicht adoptiert werden, das war er ja schon einmal. Er beobachtete dieses eine Haus, das er aus seinem Fenster sehen konnte, bis zum Abend. Gerne wollte er dort sein und diese vier Menschen wiedersehen. Aber gleichzeitig war er wütend auf sie, denn wegen ihnen war er im Tierheim!

„Hey, Stadthund!“

Der Stadthund seufzte.

„Hey, was ist das für ein Haus, Stadthund? Ich sehe dich es immer anstarren.“

„Es ist nichts“, sagte der Stadthund. Er wollte es niemandem erzählen.

Der Pitbull seufzte und guckte aus dem Fenster, denn er sah etwas Leuchtendes aus dem Augenwinkel. „Die Lichter!“ Er klang wie jemand mit Hoffnung. Wenig Hoffnung aber nicht so wenig wie der Stadthund.

„Oh, du meinst die Hotellichter? Man, leuchten die weit. Was ist mit ihnen?“

„Damals…da konnte ich AUCH die Lichter sehen«, meinte der Pitbull. „Als ich noch mit meinem Besitzer gelebt habe. Vom Balkon aus sahen wir die Lichter während der alte Mann sein Tee trank. Er hatte niemanden, ich war der einzige, der ihm Gesellschaft leistete. Oh man, wie sehr ich ihn vermisse.“

Eine Weile waren beide ruhig.

„Es ist alles meine Schuld, diese Geschichte ist so kurz und armselig.“ Der Pitbull guckte traurig auf den Boden, und die Augen vom Stadthund sahen hoffnungsvoll aus.

„Erzähl sie, bitte.“ Der Stadthund fühlte sich mit einem Mal wie ein Feigling. Über seine Geschichte verlor er kein Wort, aber vom Pitbull wollte er die Geschichte hören.

„Eines Tages“, erklärte der Pitbull, „schlief der alte Mann länger als sonst. Das hat er schon öfter gemacht. Aber an diesem Tag hatte ich SO Hunger, dass ich raus ging. Ich wollte Essen suchen. Müll durchsuchen. Denn an diesem Tag hatte ich mehr Hunger als sonst, sonst würde ich auf ihn warten. Und dann kamen die Tierfänger.“ Es wurde unangenehm leise. Zu armselig um irgendetwas anderes zu sagen. „Ich schwöre, Stadthund, ich komme hier raus und ich blute so lange, bis ich es schaffe!“

Der Stadthund dachte nach. Er wollte nicht, dass sein Freund sich verletzt. Er wollte aber auch nicht, dass das ganze Springen und alle Verletzungen umsonst waren. Was wird er tun, wenn der Pitbull es schafft? Und das wird er. Der Stadthund spürte es. Er wusste es einfach, er wusste nicht, warum

 

Es ist gruselig, neue Dinge zu denken, wenn das, was man sonst immer dachte, sich plötzlich nicht mehr wahr anfühlte.

 

Der Stadthund stand vor dem Auslauf.

Er spürte, wie seine Beine gleich umknicken würden. Wieder stand er hier, wieder lief der Pitbull zu den Hundehütten, wieder teilten alle sich in ihre Gruppen ein und nur er blieb übrig. Er stand mit seinen wackeligen Beinen auf dem sandigen Boden und es war ein schrecklicher Gedanke zu laufen. Plötzlich sah er, wie die Spieler auf ihn zukamen, der Hund ganz vorne mit einem dicken Stock.

Ich spiele!, dachte der Stadthund, denn Nichtstun ist dumm, wenn man danach eh nichts tun kann. Als die Spieler näher kamen schnappte er den Stock und rannte weg. Er preschte quer über den Platz, und als er zurücksah, rannte ein Rudel wilder Hunde auf ihn zu. Überraschend lange konnte er den Stock verteidigen, es machte überraschend viel Spaß, aber plötzlich, als er wieder zurücksah, um zu sehen, wie erfolgreich er ist, blieben alle plötzlich stehen und redeten irgendwas.

„Leute?“ Einer der Hunde drehte sich wieder zu ihm. „Wir finden es nicht okay, was du machst.“

Dann kamen alle.

„Was? Was meint ihr?“

„Tu nicht so, Stadthund. Du übst extra das Laufen, damit du schneller als alle hier bist und das Spiel gewinnst!“

„Was?! Nein, das ist nicht-„

„Sei leise!“, unterbrach ihn ein anderer Hund.

Der Pitbull wurde aufmerksam. „Wir sind dem Spielerteam treu. Wir spielen jeden Tag und wir machen NIEMALS was anderes. Du kannst nicht plötzlich kommen und gehen wann du willst.

„Ich bin nie gegangen, das ist gerade das erste Spiel, das ich mitspiele!“ Die Stimme des Stadthundes klang schockiert und das war er auch. „Diese Regel habt ihr euch gerade ausgedacht, andere Hunde sind auch manchmal plötzlich dazu gekommen. Jeder von euch war mal neu!“

„Ha! Nur, wenn der Freak irgendwann über den Zaun fliegen kann!“

„Ey!“ Der Stadthund sagte es ruhig aber wütend. „Mischt jetzt NIEMANDEN mit ein. Er hat überhaupt nichts damit zu tun!“

„Ha ha, na, Freak? Willst du gerne ein Täubchen sein?“

Plötzlich konnte sich der Pitbull nicht mehr beherrschen, er rannte auf den Hund zu.

 „Weißt du eigentlich, was Hass ist?“ Er packte den Hund am Hals und schleuderte ihn gegen eine der Hundehütten. „Hass ist Angst!“ Er starrte ihn mit roten Augen an und auch sein Fell wurde rot. „Du willst nur keinen Rivalen haben.“

Der Hund war verletzt, aber redete immer noch. „Und du hast Angst ein Freak zu sein. Breite deine Flügel aus, Freak!“ Er sagte es unglaublich fies. Von irgendwo hatte er noch den Mut.

Der Pitbull war so wütend, dass er am liebsten das Holz der Hundehütten zerschmettert hätte, aber er sammelte all seine Kraft für den Sprung.

In diesem Moment kam eine Mitarbeiterin mit Schmerzmitteln, sie hatte den Pitbull gehört.

„Ich bin kein Feigling! Ich halte Schmerz aus!“, sagte der verletzte Hund und versteckte sich in einer der Hundehütten. Die Mitarbeiterin desinfizierte die Wunden und gab ihm Schmerzmittel, aber während sie ihre Arbeit machte, redete sie mit dem Pitbull, denn sie wusste, was hier los war.

„Wir haben gelernt, lieber keinen Hund zu sehr zu kennen, weil ihr eh am Ende wegkommt. Aber wenn man lange hier arbeitet, dann weiß man, wer in der Besuchszeit nur knurrt und wer Leute zu sich ruft. Du möchtest gar nicht adoptiert werden, ich weiß. Und ich weiß du möchtest um jeden Preis frei sein. Was ich jetzt tue, könnte mich meinem Job kosten. Aber so kann ich auch nicht arbeiten.“ In ihren Augen sah man einen Hauch von Angst, aber sie stand auf. Und dann schob sie eine der Hundehütten einen Meter nach vorne.

Als der Pitbull verstand, sah er sie mit unglaublichen Augen an.

„Na los, bevor ich meine Meinung ändere!“

Der Pitbull sprang raus und er konnte es nicht glauben. Er war frei! Er bellte, er lief, er war so glücklich. Und dann realisierte er den Stadthund. Er kam zum Zaun.

„Ich schätze“, meinte der Stadthund, „du wirst jetzt zu diesem alten Mann gehen. Du wirst auf dem Balkon sitzen, die Lichter sehen…das Leben wird schön sein! Ich freue mich für dich“

Er versuchte zu lächeln, aber konnte nicht.

„Hör auf zu reden und komm!“, sagte der Pitbull.

„Was? Nein, ich kann nicht, ich…“ Der Stadthund guckte auf den Auslauf zurück und überlegte, warum eigentlich nicht. „Ich … wo soll ich denn bleiben?!“

„Na, beim alten Mann! Wir werden beide da leben.“

„Und was … wenn er keinen anderen Hund will?“

„Wenn er dich nicht nimmt, dann bleibe ich mit dir vor der Tür, bis er uns beide reinholt. Das wird er ohne zu überlegen, Stadthund, ich kenne ihn doch. Jetzt ko-“

Sie sahen, dass die Frau die Hundehütte schon wieder zurückschob und die Spur verwischte, die die Hundehütte hinterlassen hat. Der Stadthund bellte.

„Das war eine Ausnahme“, sagte die Frau.

Der Stadthund hatte aber keine Wahl, das wusste er, die anderen Hunde hatten ihn hintergangen und hier wollte er nicht bleiben. Er begann zu winseln.

„Oh mein Gott, okay!“ Sie nahm ihn auf den Arm, hob ihn hoch und ließ ihn auf der anderen Seite runter.

„Jaaa!“, brüllten der Stadthund und der Pitbull und machten sich auf den Weg zu den verlassenen Straßen und den vergessenen Gassen. Sie liefen neben der Straße auf zertrocknetem Gras, zum Glück eine selten befahrene Straße. Sie wussten, dass sie in dieser Hitze nicht weit kommen würden aber der Pitbull redete, damit sie sich darauf konzentrieren konnten. „Mein Besitzer ist oft mit mir spazieren gegangen. Er hat Fleisch für mich geholt, aber jedes Mal hat er bisschen mehr geholt für die Straßenhunde und Straßenkatzen. Ich freue mich so, ihn wiederzusehen!“ Der Stadthund spürte, wie die Stimme vom Pitbull kraftlos wurde und er selbst war es auch.

„Hey, Pitbull. Du meintest doch von deinem alten Haus aus konntest du die Lichter sehen. Tja, die Lichter sieht man nur in der Nacht. Und wir sind erschöpft. Lass uns am Tag schlafen und in der Nacht weiter gehen. Wir müssen ja aufmerksam werden, wenn wir die Lichter sehen.“

„Du hast Recht, sagte der Pitbull und als sie bisschen weg waren aus dem abgelegenen Ort, in dem das Tierheim stand, erreichten sie eine Stadt. Sie schliefen in einer vergessenen Gasse, um nicht von Menschen verscheucht zu werden oder von Kindern gejagt.

 

Der Stadthund wachte auf. Er hörte Katzen, die sich um Platz stritten, Hunde die im Müll Essen suchen und aus der Entfernung hörten sie Menschen. Und dann realisierte er, was für einen Hunger er eigentlich hatte. Es war Nacht, Zeit, zu gehen, dachte er. Er weckte den Pitbull, der zum Glück schnell wach wurde.

„Es ist Zeit für Essen, Pitbull. Wir brauchen Energie.“

Der Stadthund folgte den Menschenstimmen und fand sich selbst vor einem Restaurant. Sie teilten sich auf und bettelten. Als sie sich wieder trafen hatte der Pitbull Fleisch und der Stadthund Pizza. Sie aßen es vor dem Restaurant und die staubige Reise ging weiter.

„Hast du eigentlich eine Lieblingsstadt?“, fragte der Pitbull.

„Nein“, antwortete der Stadthund verwirrt. Was sollte er schon für eine Lieblingsstadt haben? Er wurde hier geboren, er lebte hier sein trauriges Leben, hier würde er sterben.

„Meine Lieblingsstadt ist Diyabakir«, meinte der Pitbull. „Diyabakir ist anders, Stadthund. Jeder Hund muss einmal dort gewesen sein. Die Stadt ist bunt leuchtend, überall sind Lichter, und, Stadthund, die Hunde … sind satt. Sie sind dick, ich war da. Mein Besitzer war ein LKW-Fahrer, er hat Pakete in andere Städte gefahren und das war eine der Sachen wofür ich ihn liebte: er nahm mich mit. Ich bin mit ihm durch Städte gefahren und jedes Mal als wir nach Diyabakir gefahren sind, hat er mir so ein Zeichen hinten am LKW gezeigt und ich lernte, was es bedeutet.“

Sie blieben stöhnen und er kratzte etwas in den Boden: 21

„Dieses Zeichen bringt uns zum Glück, Stadthund. Und wenn du auch bei ihm leben wirst, werden wir beide dorthin fahren! Oh, wie sehr ich mich freue.“

Der Stadthund freute sich auch, nur würde er in einem fremden Haus leben. Das wäre sehr ungewohnt. Er hoffte, dass er sich schnell daran gewöhnen würde.

„Pitbull, die Lichter!“ Sie sahen die Lichter näherkommen. „Ja!“

Sie freuten sich, aber die Lichter waren noch drei Kilometer entfernt.

„Pitbull, lass uns eine Pause machen“ Die Lichter waren noch einen Kilometer entfernt und die selten befahrene Straße, neben der sie gingen, endete bald und sie wurde eine oft befahrene Straße. Bald gab es wieder ein paar Läden und Restaurante.

„Was? Wir sind so nah! Bald kommen wieder Häuser und dort sind die Lichter!“

„Pitbull, deine Beine zittern. Ich weiß du ignorierst immer, wie schlimm es dir geht, aber das ist das blöde an dir. Das einzige blöde. Du bist unrealistisch.“

Als der Pitbull dem Stadthund eine Chance ließ und auf seine Beine hörte, knickte er ein.

„Ach, Scheiße.“

„Ja, lieber Pitbull.“ Er setzte sich neben ihn.

„Eigentlich“, begann der Pitbull, „habe ich einen Namen. Im Tierheim habe ich es nie gesagt.“ Plötzlich fragte sich der Stadthund, warum er so dumm war. Der Pitbull hatte doch einen Besitzer!

„Ich heiße Nero.“

„Nero. Schön, dich beim Namen nennen zu können.“

Der Stadthund dachte nach und dann sagte er etwas, was er nicht kontrollieren konnte. Er dachte einfach jetzt oder nie. Es fühlte sich an wie ein jetzt oder nie.

„Ich glaube ich erzähle meine Geschichte“

„Wow, ein Wunder!“

 

Es war gruselig, neue Dinge zu erzählen

Er tat es, um vielleicht zeigen zu können, dass er es schätzte, dass Nero so viel von sich erzählte.

„Ich sehe aus wie ein Stadthund, weil irgendwo in meinem Stammbaum mal eine Stadthündin war. Sie hat sich gepaart, hatte Welpen und manche von denen waren Stadthunde, manche waren Mischlinge. So ging es weiter, jeder hatte Welpen, jeder paarte sich und die Stadthundgene und viele andere blieben. Es ging weiter bis meine Mutter mich geboren hat. Sie sieht aus wie ich, nur dunkelbraun. Wir lebten auf einem verlassenen Grundstück, niemand störte uns. Ich lebte mit fünf Geschwistern. Wir waren glücklich. Doch dann trennten sich unsere Wege und das Schlimme begann dann erst. Eine Zeit lebte ich auf den verlassenen Straßen und in den  vergessenen Gassen, aber eines Tages kam ein Mädchen zu mir. Sie sagte ihren Eltern, sie wollte mich unbedingt behalten. Sie brachten mich zum Tierarzt, ich wurde geimpft und ich kam zu ihnen nach Hause. Diese Familie kümmerte sich aber nicht richtig um mich. Für das Mädchen war ich nur ein Spielzeug und mein Name änderte sich jede Woche. Danke, Mädchen, jetzt nennt man mich Stadthund. Eines Tages spielte ich mit einem Baby. Sogar ein Baby spielt besser als dieses Mädchen. Ich sprang herum, das Baby fand das witzig. Es gab sogar Applaus! Und plötzlich knallte es seine Hand ausversehen gegen eine Kante. Es begann zu weinen und alle dachten es war meine Schuld. Am nächsten Tag war ich im Tierheim. Und aus meinem Fenster konnte ich mein altes zu Hause sehen.“

Er überlegte

„Ich habe es noch nie erzählt. Jetzt, wo ich es getan habe, glaube ich, es war nie meine Schuld. Es war ein Unfall“

„Es war nicht deine Schuld.“

 

Sie schliefen ein ohne es bemerkt zu haben.

„Stadthund, es ist Zeit weiter zu gehen“, sagte der Pitbull.

Noch in derselben Nacht erreichten sie die Stadt, in der sie endlich was zu Essen finden konnten. Diesmal sagte der Pitbull gar nichts, der Stadthund war sowieso zu unsicher, um was zu sagen, er dachte, alles was er sagt, ist langweilig.

 

„Stadthund…das ist es!“

Der Pitbull zitterte am ganzen Körper. Sie gingen in einen Garten, aber die Tür stand auf. „Komisch, er lässt die Tür nie auf“

Der Vollmond und die Stadtlichter beleuchteten den Garten, sie sahen das trockene Gras, das einst schön und gepflegt war. Und dann sahen sie, dass auch die Haustür offen war.

„Was?“

Sie gingen rein und sahen das, was der Stadthund schon befürchtet hat. Wenn der Garten schon so ungepflegt ist und Nero schon sagte, dass die Gartentür nie auf war…

Nero stand wie eine Statur da und es passierte irgendwas in ihm. Eine riesige Mischung aus Gefühlen.

„Das…Ich…Stadthund, was machen wir jetzt!?“

Die Wohnung war menschenleer aber sie war lange Zeit verlassen, das sah man.

„Wenn er nicht da ist, dann-“

Er rannte plötzlich raus und fletschte die Zähne. Der Stadthund kam hinterhergelaufen.

„Hey, Nero, was hast du vor?“ Er hatte Angst vor der Antwort, denn der Pitbull war nicht mehr bei sich, er konnte diesen Verlust nicht ertragen, er bekam rote Augen und er wollte nicht wahrhaben, auf sich gestellt zu sein.

„Ich hatte ganz ganz früher noch einen anderen Besitzer.“

„Was!?“

„Oh ja, und er hat mir beigebracht aggressiv zu sein. Wenn dieser nicht da ist, dann wird der ganz Alte vielleicht zurückkommen!“ Sie sahen zwei Leute aber noch waren

sie ganz weit weg.

„Nein, Pitbull…“

„Mein alter Besitzer wird so stolz auf mich sein“

 

Es brachte alles nichts. Der Stadthund sah es noch vor sich. Wie aggressiv Nero zwei Menschen angegriffen hatte, wie sich der Stadthund die Seele aus dem Leib bellte, damit er aufhörte. Zwei Sätze wird er niemals vergessen können. Der Pitbull sagte nämlich

„Wow, ich bin voll gut im Angreifen, vielleicht ist das ja meine Bestimmung“

Und der Stadthund sagte:

„Nero, dir wurde Aggressivität beigebracht! Kein Hund und auch kein Pitbull sind von Natur aus agressiv!“

Er wusste, dass Aggression ein Schutzmanöver ist, wenn die Welt keine andere Möglichkeit bietet, als sich durch das Leben zu kämpfen.

Und jetzt lag er da. Mit Messerstichen auf dem Boden.

Für Nero brach die Welt auseinander als er den alten Mann nicht sah und für den Stadthund tat sie es jetzt. Er war so wütend und traurig, er konnte einfach nicht glauben, was Nero getan hat.

„Und? Wo ist dein Besitzer!?“

„Ich weiß es nicht…vielleicht kommt er noch, um wenigstens dich abzuholen«, röchelte er. „Oder du stirbst auf den verlassenen Straßen und auf den vergessenen Gassen. Am Ende sind wir eh dazu verflucht zu sterben.“ Aus seiner Stimme ging langsam die Kraft weg.

„Nein. Es gibt noch Hoffnung! Die LKWs!

„Die LKWs. Ja. Sie sind ... in diese Richtung gefahren.“ Der Pitbull machte eine Kopfbewegung zu einem Weg, auf dem auch Menschen gehen. Der Stadthund nickte, aber er blieb noch die letzten Minuten, die für seinen Freund übrigblieben, bei ihm.

„Hey, Stadthund. Ich habe einen letzten Wunsch.“

Der Stadthund wurde aufmerksam.

„Ich möchte, dass du nach Diyabakir mit dem LKW fährst. Einmal musst du die Stadt der glücklichen Hunde sehen. Mein letzter Wunsch ist, dass du den Lichtern folgst. Verdammte Scheiße, wir leben doch auf den verlassenen Straßen und den vergessenen Gassen. Aber weißt du warum? Weil wir nur Streuner sind. Aggressive Hunde sind im Schatten. Die hübschen sind im Licht. Folge den Lichtern der Menschen, Stadthund. Nicht alle Menschen sind so wie deine Familie, bei der du gelebt hast. Du musst jetzt mutig und stark sein“

 

Nero war tot

 

Der Stadthund war traurig. Dann war er wütend und plötzlich spürte er eine unglaubliche Kraft und lief. Er lief zu den LKWs und nichts konnte ihn aufhalten. Er dachte sich: bin das ich? Diese Kraft hatte ich noch nie!

 

Es war gruselig, neue Kräfte zu haben aber er war mutig und stark. Er rannte an Menschen vorbei, alle erschraken sich, denn es kam ein Hund ohne Bedürfnisse auf sie zu gerannt, so fühlte es sich an, aber er tat nichts. Leute schrien, Kinder weinten, aber bevor sie überlegen konnten ihn anzugreifen, war er schon vorbei gelaufen.

 

„Da ist es“, sagte er. Er kam tatsächlich an einer LKW Garage an, er war so heilfroh.

„Was?“Plötzlich kamen Tierfänger auf ihn zu, er konnte es nicht glauben, er hatte immer noch unglaubliche Kräfte, aber er ist schon zwei Kilometer gelaufen und sie gingen zu Ende. „Nein. Nein!“ Wieder schrie er sich die Seele aus dem Leib, er versuchte sich an irgendwas festzuhalten, er schrie und schrie, doch es brachte nichts.

 

„Dieser Hund war ja überdramatisch. Sollen wir ihn nicht doch frei lassen?“

„Das sind alle, er wird eh wieder frei sein!“

Er wurde von einer Tierschutzorganisation gefangen.

Sie kastrierten ihn um die Überpopulation zu stoppen und impften ihn, um Tierleid zu reduzieren. Dann wurde er wieder frei gelassen.

Wenn er nur wüsste, wo er ist. Er wurde hinter der Garage frei gelassen, aber von da hat man es nicht erkannt.

 

Ein paar Tage war ich noch auf der Suche nach deinen LKWs aber ich ging ein paar Wege und fand es nicht. Um ehrlich zu sein war ich schon erschöpft vom suchen. Wer die Menschen waren, weiß ich nicht, sie ließen mich wieder frei! Nur eben woanders. Trotzdem tat ich, was du mir sagtest und blieb bei den Lichtern. Ein Mann adoptierte mich und am Anfang war ich froh darüber, aber ich glaube nicht, dass das deinen letzten Wunsch erfüllt, denn ich fühlte mich einfach nicht Zuhause und kam wieder in ein Tierheim. Und dieses Tierheim war wirklich überfüllt. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, vielleicht ist es mein Schicksal, den Menschen zu gehorchen. Im Vergleich war unser Tierheim ein Paradies. Die Gehege waren noch kleiner als in unserem alten und einen Auslauf gab es auch nicht. Ich wurde von einer Frau adoptiert, Nero.

Sie war eine Wanderin. Sie ging mit mir viel spazieren und wir gingen auf lange Ausflüge. Ich fand sie echt nett, aber richtig zuhause gefühlt habe ich mich nicht. Ich dachte, wenn es wieder einer dieser Menschen ist, die mich schnell wieder abgeben wollen, möchte ich sie nicht zu sehr ins Herz schließen. Die Last am Ende wird nur umso größer. Aber da war diese ständige Bestätigung der Liebe und diese Geduld. Irgendwann wurde ich unsicher was ich machen soll. Eine Hälfte von mir wollte sich nämlich auf den Weg zu den Garagen machen. Die andere wollte es sich zu Hause gemütlich machen. Und dann bekam ich diese Vision. Diese Nachricht von dir. Ich glaube einfach, dass sie von dir ist, ich glaube es fest. Du sagtest mir, dass ich mich gar nicht auf den Weg nach Diyabakir machen muss, denn für Straßenhunde ist es da schön. Du sagtest das, was ich jetzt habe, ist viel wertvoller. Ich habe schon einen satten Magen. Ich lebe schon unter den Lichtern. Aber eine Sache habe ich, die Straßenhunde nicht haben. Jemand, der mich wirklich liebt. Außerdem meintest du, dass es schön ist, mich mit Namen zu nennen. Ich bin jetzt Nash und ich beginne zu leben. Zu lächeln. Zu wandern. Einmal auch in Diyabakir. Ja, wir waren da! Und endlich hatte ich kein Fernweh mehr. Es war alles, wie du es erzählt hast. Aber es gab auch Hunde, die wütend waren. Ich schätze jede Stadt hat ihre Hunde mit Wut. Wer weiß denn schon, was sie erlebt haben? Der Gedanke ist gruselig, trotzdem habe ich keine Angst. In meinem Leben war vieles gruselig. Aber ein Freund meinte mal zu mir, ich muss nur mutig und stark sein.

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Kommentare: 1
  • #1

    Hilal Gül (Mittwoch, 03 Dezember 2025 16:21)

    Schwester Herz ��