von Youssef Moustafa.
Begründung der Jury für die Auszeichnung:
Youssef Moustafa bringt mit seiner autobiografisch gefärbten Erzählung eine Stimme auf die Bühne, die selten gehört wird – und umso notwendiger ist. „Meine Flucht aus Kobane“ beeindruckt durch seine Direktheit, seinen Mut und seine ungeschönte Wahrhaftigkeit.
Youssef gelingt das Kunststück, persönliches Erleben mit allgemeiner menschlicher Erfahrung zu verbinden. Sein Text macht betroffen, eröffnet Perspektiven und erinnert uns daran, was es bedeutet, Heimat zu verlieren und Hoffnung festzuhalten.
Ich hörte einen lauten Knall. Ich öffnete meine Augen. Mein Vater schrie auf Kurdisch: „Raus, alle, sofort, wir werden angegriffen!“ Ich war schockiert und ahnungslos.
Es fing alles am 14.12.2014 an. Die Terrorgruppe Daesch begann einen Angriff auf meine Heimat Kobane. Meine Mutter weinte, meine jüngeren Geschwister waren verängstigt. Es war alles voll schwarzem Rauch. Es brannte. Menschenteile lagen auf dem Boden. Ich konnte es nicht richtig realisieren, weil ich erst sechs Jahre alt war.
Mein Vater sagte: „Wir fliehen in zwei Stunden.“
Er hatte einen Schmuggler angerufen. Es war 4:00 Uhr morgens. Um 6:00 Uhr morgens sollte er da sein. Wir durften nichts mitnehmen. Nur Geld, paar Kleidungsstücke und was zu essen.
Es war 5:00 Uhr morgens, wir warteten. In unserem Garten im Hinterhaus hatte mein Vater Waffen. Er war früher Soldat gewesen. Die Waffen waren Handpistolen, Sturmgewehre und ein Sniper. Er gab meiner Mutter eine Handpistole und nahm selber ein Sturmgewehr.
Es war 5:30 Uhr. Der Geduldsfaden war schon lange zerschnitten. Wir waren versteckt in einem kleinen Zimmer. Die Schritte wurden lauter. Es waren Stiefel von Soldaten. Es durfte kein Mucks von uns kommen. Der Tod nur Meter entfernt. Die Zeit verging immer langsamer.
Es war 5:41 Uhr. Ich wollte, dass meine Mutter aufhörte zu weinen. Ich verstand nicht, was gerade passierte, aber es war ein schreckliches Gefühl. Zwei Minuten später landete eine weitere Bombe, aber diesmal auf der Straße. Schwarzer Rauch. Wir bekamen kaum Luft.
Es war 5:55 Uhr. Auf einmal stürmte ein Terrorist ins Zimmer. Mein Vater zögerte nicht lange. Er schoss ihm in den Kopf. Ich sah seine Leiche auf dem Boden. Der Boden war voller Blut.
Die Zeit lag genau bei 6:00 Uhr. Wir warteten auf den Schmuggler, aber er kam nicht.
6:10 Uhr. Die Hoffnung starb langsam. Es stellte sich heraus, dass der Schmuggler auf dem Weg erschossen worden war. Mein Vater war verzweifelt. Er dachte nach. Die einzige Lösung wäre der Keller. Wir brachten Decken und Matratzen runter und holten uns nachts manchmal Essen runter. Wir versteckten uns da 123 Tage.
Die letzten zehn Tage hatten wir kein Essen mehr. Mein Vater musste aus dem Haus und welches besorgen. Meine Mutter wollte das nicht, weil es zu gefährlich war. Doch wir kamen auf eine Idee. Er zog die Kleidung von der Leiche, dem Terroristen an. Sie würden nicht merken, dass er ein Kurde ist, weil er einen langen Bart hat und fließend Arabisch kann. Er gab sich als einer von denen aus. Er ging ohne Handy. Wir hatten Angst, aber keine andere Möglichkeit. Meine Mutter, meine kleine Schwester und mein jüngerer Bruder unterhielten sich, um die Stimmung zu verbessern. Ich hingegen war ruhig und starrte die Wand an. Das alles hier mit sechs Jahren zu verstehen, war nicht einfach, aber ich war reif für mein Alter. Ich wusste, was der Tod war, was Krieg bedeutete. Deswegen versprach ich mir, mit meinem Leben meine Familie zu beschützen.
Es wurde dunkel. Wir hörten Hunde bellen, Bomben, die Kilometer weit einschlugen, und pro Minute ein paar Schüsse. Am nächsten Morgen kam mein Vater. Er hatte zwei Tüten dabei, aber sein Gesichtsausdruck war gebrochen. Er trug eine dicke Jacke, bemerkte ich. Ich bat ihn, sie auszuziehen. Er wollte nicht. Ich schaute in die Tüten. In der ersten Tüte waren Lebensmittel. In der zweiten Tüte drei Funkhandys für uns, mit denen man ohne Batterie telefonieren konnte. Ich fand es komisch, dass er seine Jacke nicht ausziehen wollte. Sein Bein hatte Blutflecken. War er angeschossen worden? Auf einmal wurde er ohnmächtig. Ich zog ihm die Jacke aus. Ich sah ein Loch, das mit einem Tuch verstopft worden war. Er war im unteren Bereich seines Bauches angeschossen worden. Ich nahm das Handy und rief meine Tante an, die nicht weit entfernt wohnte. Sie schlich sich hierher und versorgte ihn.
Ab dem Moment war mir klar, ich muss um Leben und Tod kämpfen, wenn es darauf ankommt. Eine Woche später hörten wir in den Nachrichten, dass die kurdische Armee PKK die Terrorgruppe Daesch weggetrieben hatte. Die Einschläge, die Schüsse waren vorbei. Es war so ein unbeschreibliches Gefühl, als wäre man von einem Albtraum auferstanden.
Die Häuser, die Straßen, die Schulen, die Krankenhäuser, alle zertrümmert, alles weg innerhalb von ein paar Monaten. Mein Vater verkaufte alles, was wertvoll war, und sammelte das Geld. Er kaufte uns damit Kleidung und Essen.
Mein Vater kannte einen Schmuggler in Damaskus, der Leute von Syrien in die Türkei transportierte. Er gab ihm 5.000 Dollar. Am Samstagabend um 3:00 Uhr nachts sollten wir in der Stadt Aleppo an der Grenze zur Türkei sein. Wir mussten Schutzwesten fürs Schlauchboot kaufen, fünf Stück für 500 Dollar. Wir hatten nur zwei Rucksäcke dabei, einen mit Kleidung und einen mit Lebensmitteln. Außer dem Schmuggler waren noch 50 bis 60 weitere Personen da.
Um 4:00 Uhr nachts fuhren wir dem Boot los, fuhren 20 Minuten und sahen Lichter in der Dunkelheit. Es waren türkische Soldaten, die wussten, dass Flüchtlinge hier durchwollten. Sie nahmen uns alle fest und brachten uns an Land. Alles wurde weggenommen, außer das Geld. Das hatte ich in meiner Hose versteckt. Alle wurden nach ihrer Nationalität gefragt, weil die Kurden und Türken auch einen Konflikt hatten, also Krieg.
Als mein Vater drankam, antwortete er auf Englisch: „I am from Syria, Arabic.“
Der Soldat schrie wieder: „Where are you from?“
Mein Vater antwortete mit ängstlicher Stimme: „Syria, Syrien, I am Arabic, Arabisch.“
Der Soldat wurde aggressiver und nahm seine Waffe, das Sturmgewehr AKM. Auf der Waffe hing als Accessoire die türkische Flagge. Er richtete sie auf unsere Köpfe, von mir, meiner Mutter, meinem Bruder und meinem Vater. Wir waren auf den Knien, Hände auf dem Kopf. Meine Mutter weinte, meine Geschwister waren völlig ahnungslos. Ich dachte, es ist vorbei.
Mein Vater schrie „Stopp“ und bat sie unter Tränen. Er sagte, dass wir Araber sind. Sie richteten dann die Waffen weg. Er war für zwei Wochen im Knast. Wir kauften ihn dann frei. Wenn wir in der Situation gesagt hätten, dass wir Kurden sind, dann würde ich heute nicht mehr leben. Diesen Augenblick, als er eine Waffe auf ein Kind richtete, das sechs Jahre alt war, werde ich niemals vergessen. Ohne Schuldgefühle und ohne Angst hätte er mich erschossen. Wie kann man ein Kind töten, direkt in den Kopf, ein Schuss? Das sind keine Menschen mehr, das sind Monster.
Wir wurden zurück nach Syrien abgeschoben und begannen eine weitere Flucht in die Türkei. Aber es waren dieses Mal 120 bis 140 Personen am Boot. Wir kamen an, zogen die Westen an und stiegen ein. Wir fuhren los. Es sollte eine fünf- bis achtstündige Fahrt werden. Wir waren insgesamt drei Tage auf dem Mittelmeer. Auf das Schlauchboot passten ungefähr 70 bis 80 Personen, wir lagen deutlich darüber. In der Mitte die Frauen und Kinder, außen die Männer. Wir wurden fast zerquetscht in der Mitte.
Am zweiten Tag stritten sich zwei Männer um ein bisschen Platz. Das Schlauchboot wackelte. Wir dachten, wir kentern gleich. Die anderen mischten sich ein. Die Kinder weinten, die Frauen schrien, aber der Fahrer schrie auf einmal: „Hört mir alle zu, wenn das Boot einstürzt, werdet ihr alle sterben. Keiner von euch kann schwimmen, ihr werdet nicht überleben. Also benehmt euch jetzt und seid alle ruhig.“ Erst das beruhigte die Menschenmasse.
Wir kamen in Antalya an. Tiefe Erleichterung. Dann weiter. Eine Woche zu Fuß durch Berge und Wälder. Unser Onkel holte uns nach Istanbul. Weiter. Bulgarien, Sofia. Serbien, Belgrad. Ungarn, Budapest. Slowakei. Tschechien. Österreich, Wien. Deutschland. München, Bremen, Hamburg. Jetzt lebe ich hier seit zehn Jahren.
Es ist für mich keine Last, so was erlebt zu haben, aber ich wurde dafür oft rassistisch behandelt und wurde von der zweiten Klasse bis zur vierten Klasse gemobbt. Aber eigentlich sind wir alle gleich. Seid gute Menschen und respektiert alle, egal, woher sie kommen. Mit dieser Geschichte will ich zeigen, dass Menschen mit einer anderen Nationalität, die hierher geflüchtet sind, einen äußerst langen Weg hatten, egal ob Afghanistan, Syrien, Irak oder Türkei. Wir sind auch Menschen, wir haben auch Gefühle. Deswegen sollte man niemanden beleidigen wegen seiner Nationalität. Jeder Mensch ist gleich, und Deutschland ist ein gutes Vorbild für die Menschen. Grundrechte. Behandelt alle gleich und seid fair.

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