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Wo ist Marie?

von Lina Schönemann.

Begründung der Jury für die Auszeichnung:

Mit „Wo ist Marie?“ präsentiert Lina Schönemann eine psychologisch fein gearbeitete Geschichte, die von der ersten Zeile an fesselt. Ihr Text ist atmosphärisch dicht, elegant konstruiert und stilistisch äußerst sicher.

Lina verbindet Spannung mit Tiefe – nie laut, immer präzise, unerwartet reif. Es entsteht ein literarischer Raum, in dem Nähe und Geheimnis, Angst und Erkenntnis kunstvoll verschränkt sind. Ein Text, der zeigt, wie überzeugend literarische Spannung erzählt werden kann.


Samstag, 13:42

Schon in der Einfahrt konnte Lorenz das Bellen und Winseln hören. Er öffnet die Haustür und Toni kommt mit gesenktem Kopf angetrabt. Normalerweise freut sich Toni immer, wenn Lorenz nach langen Geschäftsreisen nach Hause kommt. Er ist Künstler und kommt gerade zurück aus Wien von seiner Ausstellung.

„Schatz, ich bin wieder da“ – Toni bellt – „Toni, wo ist denn Marie?“ Sie winselt und stupst ihn mit ihrer kalten Nase an. „Toni, was ist los?“

Er streichelt sie am Ohr und Hinterkopf. Als Lorenz in die Küche geht, sieht er den vollen Futternapf, das verschüttete Wasser und ein zerfetztes Kuscheltier. Toni trippelt nervös auf der Stelle.

„Marieeee!“ Lorenz ruft die Treppen rauf – keine Antwort. Toni bellt erneut. „Aus! Toni, warum bellst du denn ständig? Du hast hier alles verwüstet.“ Lorenz geht nach oben und findet ein leeres Badezimmer, Schlafzimmer sowie Atelier vor. Er geht ins Schlafzimmer und packt seinen Koffer aus.

Plötzlich leuchtet sein Handy auf. Eine neue Nachricht von Marie: „Hallo Schatz, ich bin für ein paar Tage bei meiner Familie.“ Lorenz greift nach seinem Handy und ein erleichtertes Lächeln breitet sich in seinem Gesicht aus. Er antwortet: „Ich habe mich schon gewundert, warum du nicht zu Hause bist. Toni und ich vermissen dich ganz doll. Grüß die Familie und pass auf dich auf.“

Plötzlich spürt er ein Stupsen am Rücken. Toni hat eine Leine im Mund und stupst Lorenz mit der Pfote an. Er dreht sich um. „Toni, du willst raus? Na, dann komm.“ Lorenz steht auf und fordert sie auf, ihm zu folgen. Mit der Leine in der Hand schließt er die Tür. Es ist ein herbstlicher Tag, Langsam geht die Sonne unter und bei gefühlten 10 Grad erleuchten die Straßenlaternen den Weg zur Vogelschar.

Lorenz geht gern durch das Ahrensfelder Dorf. Die Landschaft und die Umgebung inspirieren ihn. „Wäre das nicht ein schönes Bild, Toni? Von diesem Moment…nur die Natur und wir“? Er begeistert sich für die Natur, speziell in Bezug auf seine Heimat. Gemeinsam trotten sie durch die Straßen und Feldwege. Ihnen ist es, als würde die Zeit stehenbleiben und sie würden nur im Moment leben.

Zurück zu Hause kümmert Lorenz sich erstmal um die Küche und versucht ein weiteres Mal, seine Frau zu erreichen - vergebens. Warum geht sie nicht ran? Fragt er sich. Fünf Minuten später eine neue Nachricht: „Hey Schatz, alles gut? Ich habe hier keinen Empfang. Ich melde mich, sobald ich kann.“ Keinen Empfang? Verwundert blickt Lorenz auf sein Handy. Jedoch antwortet er: „Ja, alles ok Liebling. Bitte ruf mich schnellstmöglich zurück. Wann bist du denn wieder zu Hause? und Geht es der Familie gut? Toni hat alles verwüstet. Ich muss jetzt erstmal aufräumen.“

Wenig später klingelt es an der Tür. Ella ist da. Kriminologin und gute Freundin von Marie und Lorenz. „Hey, Ella, gib mir 5 Minuten, dann können wir los.“ „Wie war deine Geschäftsreise? Erzähl! Hast du etwas verkaufen können?“ Ella fragt ganz neugierig, da es Lorenz´ erste große Ausstellung war.

„Und wie! Die Leute waren begeistert. Nur Marie hat gefehlt. Ohne sie ist es nicht dasselbe.“ Lorenz blickt verlegen auf den Boden, welcher aus Fliesen besteht, die er extra für Marie bemalt hat. „Wo ist sie denn?“ fragt Ella. „Bei ihrer Familie“, entgegnet Lorenz. „Und wie lange?“

„Weiß ich nicht, sie geht nicht ran.“ „Komisch,“ sagt Ella. „Normalerweise geht sie immer ran.“

„Naja, komm, lass uns einen schönen Abend haben und nicht länger grübeln. Ihr geht es sicher gut.“

Lorenz und Ella fahren vom Hof und treffen Malik (seinen besten Freund) am Eingang ihrer Lieblingsbar. Heute findet dort eine private Veranstaltung statt. Sie gehen gemeinsam rein, doch Lorenz wird aufgehalten, da er keinen Ausweis dabeihat. Ella beteuert, dass er derjenige sei, für den er sich ausgibt. Am Tisch erzählt Lorenz von Wien und dass Marie nicht mehr an ihr Handy geht. Malik geht mit Verständnis auf ihn ein. „Ihr geht es sicher gut, mach dir keine Sorgen. Wenn sie keinen Empfang hat, kann sie auch nicht telefonieren. Du kennst sie doch.“

„Du hast recht, danke Malik.“

 

Sonntag 10.57 Uhr

Es klingelt. Toni springt auf – „Aus, Toni, aus – musst du denn immer so eine Randale machen? Nicht einmal in Ruhe frühstücken kann ich.“ Lorenz geht zur Tür – „Ella? Was macht du denn hier? Willst du frühstücken?“ Sie entgegnet ihm: „Es tut mir leid, aber ich habe schlechte Neuigkeiten für dich.“ „Was ist passiert?“ fragt Lorenz. „Darf ich reinkommen?“ „Sicher, komm rein!“

„Marie, sie…“

„Was ist mit ihr?“

„…sie ist tot.“

„Nein, nein!!! Das kann nicht sein! Sie hat mir doch heute Morgen noch geschrieben. Das geht nicht.“ Lorenz´ Stimme zittert. „Nach unserer Unterhaltung gestern in der Bar habe ich heute Morgen ihre Mutter kontaktiert. Marie war zuletzt vor zwei Monaten dort. Also habe ich mit einer Sucheinheit die Gegend abgesucht und sie gefunden. Es tut mir leid…“

„Wo habt ihr sie gefunden?“ stottert Lorenz. „In einem Graben neben dem Bahnübergang.“

„Wie konnte das passieren?“ Ihm laufen die Tränen über das Gesicht. Ella legt ihre Hand auf seine Schulter. „Ich bin für dich da. Versprochen. Ich werde alles dafür tun, dass wir den Täter finden.

„Danke, ich weiß gar nicht, was ich machen soll. Wäre ich nicht weg gewesen, wäre das nicht passiert.“

„Lorenz, es ist sicher nicht deine Schuld. Glaub mir, du bist nicht der Grund.“ Nachdem Ella das Haus verlassen hat, ruft Lorenz Malik an. „Sie haben Marie gefunden“. Malik fragt, ob er vorbeikommen dürfte. „Passt es dir zum Abendessen?“ „Ja gerne. Ich bin gleich bei dir. Du bist nicht allein.“ Nach dem Telefonat wollte Lorenz sein Handy weglegen, blieb aber an einem Foto seiner Frau hängen. Mit Wut und Trauer in den Augen sinkt er zu Boden. In eine Ecke gekauert fühlt er sich so leer…ganz sinnlos. Toni kommt zu ihm und legt den Kopf auf seine Knie. Sie winselt. „Du bleibst für immer bei mir. Dich gebe ich nicht her.“ Einige Zeit später steht Malik vor der Tür. „Es tut mir so leid. Das ist ja schrecklich. Wie konnte das nur passieren?“ „Wenn ich das nur wüsste Malik. Ich wünschte, es wäre nie passiert.“

Beim Abendessen blitzt auf einmal etwas in Maliks Jackentasche auf. Lorenz fragt, was es sei. Malik erwidert, es sei sein Handy gewesen. Lorenz nickt misstrauisch. Es klingelt. „Geh ran Malik, ist bestimmt wichtig“. „Nein, nein, nicht beim Essen.“ Die Mailbox spielt eine Nachricht: „Hallo Marie, hier ist Nele, bitte ruf mich zurück, sobald du kannst.“ Lorenz springt auf. „MARIE? Das ist nicht dein Handy. WOHER HAST DU IHR HANDY?“ Malik zückt das Messer neben seinem Teller. „Ein Schritt weiter und du wirst es bereuen. Ich tue mir was an, wenn du dich bewegst.“ Er ist emotional.

„DU warst es! DU!, Du LÜGNER! Ich dachte, dir könnte ich vertrauen.“

„Es ist alles deine SCHULD!. Du hast damals meine Freundin getötet“, schreit Malik. „Hättest du es nicht getan, hätte ich dich nicht dafür bezahlen lassen müssen.“

„Habe ICH nicht. Es war ein UNFALL. Ich wollte sie retten“, sagt Lorenz.

„Vor was?“ stottert Malik

„Vor dir, der immer nur an sich denkt, anstatt an das Wohl seiner Frau. Sie hat versucht, sich umzubringen, mehrfach. DU hast nie etwas mitbekommen, weil es immer nur um DICH ging. Nur DU. Sie wollte, dass DU glücklich bist. So verblendet wie DU bist…“

„LÜGE“, entgegnet Malik. „Du hast sie umgebracht. Wegen dir hat sie die Kontrolle verloren und ist von der Spur abgekommen. Tu nicht so, als hättest du versucht, den großen Retter zu spielen.“ Er hält das Messer an Lorenz´ Kehle.

„Ma-lik“, zittrig ist seine Stimme. „Nimm das Messer runter. Bitte!!. Ich flehe dich an. Nimm das Messer runter. Ich habe deine Frau nicht getötet.“

„Auf einmal bittet der werte  Herr um Gnade?“ erwidert Malik. „Nein Lorenz, du wirst dafür bezahlen. Geh auf die Knie. Ich sagte RUNTER.“ Lorenz knickt ein. Im nächsten Moment springt die Tür auf. Toni erfasst Malik in der Kniekehle. Mit einem Klirren fällt das Messer zu Boden und die Polizei nimmt sich der Sache an.

„Hände auf den Rücken.“ Malik ist wie versteinert. „HÄNDE auf den Rücken.“ Der Polizist greift zu und führt ihn ab.

„ER war es, ER hat seine eigene Frau getötet, nur weil SIE keine KINDER wollte“, schreit Malik als er aus der Tür geht.

 

Montag 08:30h

Die Mailbox spielt eine neue Nachricht ab: „Hallo Lorenz, hier ist Ella, bitte komme doch heute aufs Präsidium. Wir haben weitere Anhaltspunkte zu Marie.“

Wenige Minuten später sitzt Lorenz im Auto. Im Präsidium angekommen geht er direkt in ihr Büro. „Was gibt es Neues?“ „Guten Morgen erst einmal“ entgegnet ihm Ella. „Wir haben Stichwunden am Hals und am Handgelenk gefunden. Es war Mord! Auch ein Messer haben wir auf der anderen Seite der Gleise gefunden. Wir haben die Fingerabdrücke gesichert, die Abfolge stammt von einer rechten Hand.“

„Dann ist es endlich klar. Ich kann es nicht gewesen sein! Malik – er war es. Er hat sie umgebracht. Er ist der Einzige, der beide Hände benutzen kann. Ich nicht, bei mir ist nur die Linke funktionsfähig.“

Lorenz stammelt: „Du warst doch dabei. Er hat die Tat gestanden. Er hat versucht, mich umzubringen. Dafür geht er sicher in den Knast.“

 

Zwei Wochen später

Malik erhält einen Brief durch die Gitterstäbe. Es ist eine Einladung zur Beerdigung.  Er stellt sich vor, wie es wäre: Ein regnerischer Tag…die Trauergäste in schwarz gekleidet und inmitten von ihnen das Grab, in das der Sarg hinuntergelassen wird. Es werden Blumen, sowie auch letzte Worte gewidmet. Zwischen den Regentropfen fließen auch viele Tränen. Malik könnte dort nicht hingehen. Sein Gewissen und seine Gedanken zerreißen ihn.

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