von Melek Fatima Yilmaz.
Entstanden im Rahmen der Schreibwerkstatt „Jetzt“ in der Ilse Löwenstein Schule.
Begründung der Jurorin Matilda A. Kaya, YWC-Mitglied für die Auszeichnung als "Die spannendste Geschichte":
Die Geschichte von dem Asteroiden, der die Erde treffen wird, hat mich beim Lesen sehr überrascht, da ich zunächst davon ausgegangen bin, dass es sich um eine reine Liebesgeschichte handeln würde. Jedoch hat die Wendung die Geschichte in eine völlig andere Richtung gelenkt. Ich fand es interessant, wie die Geschichte den gesellschaftlichen Zerfall in Krisensituationen thematisiert, was ebenfalls einen starken Aktualitätsbezug hat (man denke an Corona). Außerdem wurde durch den Countdown eine clevere Methode genutzt, um das Gefühl von Spannung und Dringlichkeit präsent zu halten.
Ayla lag halb auf ihrem Bett, das Handy nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt. Ihr Daumen scrollen automatisch durch das Insta-Profil von Chong. Jedes Bild kannte sie bereits. Jedes Video. Jede Story.
Trotzdem hoffte sie jedes Mal, etwas neues zu entdecken. Im Hintergrund lief der Fernseher. Nachrichten. Leise Stimmen. Zahlen. Dringlichkeit. Aber Ayla hört nicht davon. Sie war viel zu beschäftigt damit, zwischen Chongs Beiträgen noch versteckte Botschaften zu suchen. Vor einigen Stunden postete sie eine Story von ihr selbst.
„Warum hab ich das überhaupt gepostet…“,murmelte sie leise, obwohl sie ganz genau wusste warum. Weil er es vielleicht sehen würde. Weil er vielleicht an sie dachte. Weil sie hoffte.
Plötzlich fiel ihr Blick auf seine neu gepostete Notiz.
Ein Lied.
Sie hielt inne.
Langsam tippte sie darauf. “Who knows“ von Daniel Caesar. Der Song spielte ab. Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Maybe we get married one day…, but who knows…“.
Sie war sich ziemlich sicher, dass Chong das Lied nicht ohne Absicht postete. In ihrem Kopf begann sofort ein Film. Gespräche, Begegnungen, die sie nie geführt hatten. Momente, die nie passiert waren. Aber sich echt angefühlt hatten.
„Er denkt an mich oder?“
In genau diesem Moment änderte sich der Ton im Hintergrund. Die leise Stimme im Fernseher wurde lauter.
„…ein bislang unbekanntes Objekt im All…“. Ayla noch völlig verträumt. „…mit einer Geschwindigkeit von…“ Sie war noch bei dem Satz Maybe we get married one day…
„…direkter Zusammenprall mit der Erde.“
Ihr Handy vibrierte plötzlich heftig. Ein ohrenbetäubendes Warnsignal durchbrach die Stille. Ayla zuckte zusammen. „Was..?“
Eine Nachricht erschien auf dem Bildschirm. NOTFALLWARNUNG
Sie starrte darauf. „Ein Asteorid von enormer Größe wird die Erde in 24 Stunden treffen. Suchen Sie Schutz. Verabschieden Sie sich.“
Darunter ein Countdown.
23:59:42
„..was?“
Ihre Emotionen spielten verrückt. Sie lachte kurz. Ein unsicheres lachen. „Das ist bestimmt irgendein Scherz..?“ Auf einmal ertönten laute Sirenen von draußen.
„Doch kein Scherz..?“
Sie hörte Türen knallen, Menschen rufen, irgendwo laute schreie und Geheule. Ihr Blick fiel wieder auf den Song.
„Chong..“
Plötzlich fühlte sich alles klar an. Nicht die Angst, nicht der Asteorid.
Nur er.
Sie öffnete ihre Nachrichten. Keine neuen Nachrichten. „Wenn ich ihm jetzt nicht schreibe, werde ich ihn nie wieder sehen!“ Sie blickte auf den Countdown.
23:50:27
Sie schreibt „Chong wo bist du?“ 12 Sekunden vergehen.
Stille.
Nichts.
„Antworte doch endlich..“, flüsterte sie. Aber nichts kam. Ruckartig stand sie auf. „Okay. Okay, wenn nicht..dann nicht.“ Ihre Stimme war eiskalt, aber ihre Augen glänzten. Sie griff nach ihrer Jacke, ihrem Rucksack, stopfte wahllos Dinge hinein.
Wasser, Kekse, Ihr Ladegerät, Familienfotos.
1 Jahr vorher
Es hatte geregnet. Natürlich hatte es geregnet. Ayla stand unter einem viel zu kleinem Vordach und fluchte leise vor sich hin.
„Perfekt. Einfach perfekt.“
„Immer passiert mir so`n Scheiß.“
Ein kleines Geräusch neben ihr.
Sie drehte sich erschrocken um.
Chong.
Er stand einfach da. Klitschnass. Lächelnd.
Als wäre das alles ein Witz.
„Du..wohnst hier?“ fragte sie.
„Leider ja.“ Er zuckte mit den Schultern.
Blickte für einen kurzen Moment weg und dann wieder zurück zu ihr.
„Du auch oder?“
Ayla nickte. Ein kurzer Moment. Ein komischer Moment. Sie schauten sich dann in die Augen und konnten ihr Lächeln nicht zurückhalten.
Countdown bei 23:11:17.
Ayla riss die Tür auf und rannte los. Die Welt draußen war nicht mehr dieselbe. Menschen rannten wild die Straßen hin und her, schrieen. Einige standen einfach nur still da.
Läden wurden zerstört. Ihre Lieblingsbäckerei von neben an stand in Flammen. Leute wurden aggressiver, schlugen sich und zerstörten.
Ayla lief einfach durch alles hindurch. Ihr Handy vibrierte. Sie blieb abrupt stehen.
Chong.
„Bleib wo du bist. Ich komme zu dir.“ Ihre Augen weiteten sich.
Ihr Herz klopfte schneller.
„Nein..“ Sie tippte sofort zurück.
„Nein, ich komme dir entgegen.“
Kurze Pause. Dann kam eine Nachricht zurück.
„Natürlich tust du das.“
Trotze allem. Ein kleines Lächeln.
22:00:49.
Der Bahnhof war die Hölle. Gedränge. Schreie. Panik.
„Ich muss da rein!“
„Lassen sie mich durch!“
Ayla versuchte es.
Wirklich.
Aber es war unmöglich. Ein Mann hielt sie zurück.
„Es geht nicht mehr! Hier passt niemand mehr rein!“
Sie riss sich los.
„Ich muss aber!“ schrie sie.
„Wir müssen alle!“ schrie der Mann zurück.
Stille.
Dieser Satz traf sie. Sie sah sich um. Alle hatten jemanden. Alle wollten irgendwo hin. Genau wie sie. Langsam ließ sie die Schultern sinken. Die letzte Bahn fuhr weg. Dann drehte sie sich um. Und ging. Nicht zurück nach Hause.
Zu ihm.
Zu Fuß.
15 Stunden bis zum Einschlag.
Ayla ist schon eine ganze Weile unterwegs. Auf dem Weg überall Stau, Schlägerein, brennende Gebäude oder Fahrzeuge. Sogar Leichen.
Ihre Beine schmerzten. Ihre Füße brannten. Aber sie lief weiter. Immer wieder sah sie auf die Karte. Chongs Profil bewegte sich. Auf sie zu.
„Du bist wirklich unterwegs..“, flüsterte sie leise, während sie auf die Karte schaut. Ihre Augen fingen an zu tränen, als sie daran dachte, dass er auch gerade einen schweren Weg für sie aufnimmt.
Ein Auto hielt neben ihr an.
„Hey! Ich fahre Richtung Süden!“ Ein fremder Mann. Freundliche Augen. Zitternde Hände.
Ayla zögerte. Dann nickte sie.
„Danke.“, sie stieg ein.
Für ein paar Minuten fühlte sich alles normal an.
Fast.
Es war ziemlich ruhige Stimmung. „Zu jemandem Besonderem?“, fragte er.
„Ja.“
Kurze Pause.
„Und sie? Wohin wollen sie?“, fragt Ayla neugierig.
„Ich fahre nur, weil ich nicht weiß; wohin ich sonst soll.“
Danach nur Stille.
2 Stunden vergehen. Der Mann bittet Ayla nun auszusteigen.
„Hier muss ich abbiegen.“
Ayla nickte.
„Danke.“
„Viel Glück..“
„Ihnen auch.“
Ayla legt ein Blick auf den Countdown.
13:22:00.
Sie lief weiter die Straße entlang. Immer noch ohne Ziel. Einfach nur Richtung Chong.
Anfangs war alles nur hektisch gewesen. Laut. Verzweifelt. Jetzt wurde es anders. Roh. Vor einem kleinen Supermarkt hatte sich eine Menschenmenge gebildet. Schreie. Glas zerbrach. Ayla blieb stehen. Die Tür wurde eingetreten.
„Nehmt euch, was ihr könnt!“, schreit jemand.
Menschen stürmten hinein.
Ein älterer Mann wurde zur Seite gestoßen und fiel hart zu Boden.
Niemand half ihm. Niemand blieb stehen. Nun liegt der alte Mann bewusstlos dort auf dem Boden.
Blut strömte hinter seinem Kopf hervor.
Ayla wich aus Schock einen Schritt zurück.
„Das passiert gerade wirklich..“.
Sie hielt sich den Mund zu. Ihr Herz raste. Sie wollte helfen. Aber ihre Beine bewegten sich nicht. Dann hörte sie wieder die Sirenen.
Und den Countdown in ihrem Kopf.
„Ich kann nicht..ich muss jetzt weiter..“.
Mit zittrigen Schritten ging sie an dem Mann vorbei. Ohne zurück zu schauen.
Chong rannte. Sein Auto hatte er stehen lassen. Die Straßen waren blockiert. Er sah Menschen, die sich umarmten. Menschen die stritten. Menschen die einfach still nebeneinander saßen. Er lief einfach weiter. Chong folgte auch einfach nur dem Profil on Ayla auf der Karte.
Doch dann bemerkte er, dass zwischen ihm und Ayla, der Ort, bei dem sie sich das erste mal trafen, lag.
Er schaute auf sein Handy. Nur noch 5% Akku.
Das letzte Mal schreibt er jetzt Ayla eine Nachricht,
„Der Tag war mein schlimmster Tag, bis ich dich hinter glänzenden Diamanten sah. Treffen wir und das aller letzte Mal dort, wo wir uns das erste Mal sahen.
10:05:16.
Aylas Handy vibriert, sie liest die Nachricht und muss sich zurück halten zu weinen.
Sie verstand direkt wohin sie musste. Weitere 5 Stunden vergingen. Am Ende ihrer Kraft.
Sie schaut immer wieder auf den Countdown und wird nervöser.
05:13:33.
„Schaff ich es überhaupt noch ihn zu treffen vor dem Einschlag?“.
Der Himmel glühte. Der Asteroid war jetzt sichtbar.
Groß.
Unfassbar groß.
Ein tiefer Atemzug.
„Endspurt! Ich pack das!“.
01:00:00.
Beide waren extremst erschöpft.
Aber keiner stoppte.
Nicht jetzt! Nicht mehr.
Die Entfernung von einander war nur noch 5km.
00:10:00.
Die Erde bebte leicht. Sirenen waren kaum noch zu hören.
Zu viel Lärm. Zu viel Chaos.
Ayla rannte bereits. Tränen verschleierten ihre Sicht.
„Ich bin gleich da!“, schreit sie innerlich, in der Hoffnung, dass Chong auch gleich dort ist.
00:01:00.
Dann..
Da..
Am Ende der Straße.
Er.
Chong.
Stillstand.
Für einen winzigen Moment.
„Ayla.“
„Chong.“
Sie fingen an zu rennen.
10 SEKUNDEN.
Die Welt glühte.
Ihre Haut brannte.
Nur noch sie.
5 SEKUNDEN.
Ihre Hände streckten sich zueinander.
Tränen flossen mit einem Lächeln im Gesicht.
3 SEKUNDEN.
Nur noch Zentimeter.
1 SEKUNDE.
Im Letzten Moment..
Berührung..
Nur die Fingerkuppen.
Ganz echt..
Zum ersten Mal..
Und dann wurde alles Licht.

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