von Marie Sophie Lindenmaier.
Entstanden im Rahmen der Schreibwerkstatt „Jetzt“ in der Ilse Löwenstein Schule.
Begründung der Jurorin Matilda A. Kaya, YWC-Mitglied für die Auszeichnung als "Die schönste Sprache":
Ich fand die Geschichte inhaltlich sehr berührend und mitreißend, aber besonders hat mich beeindruckt, wie die Satzmelodien die Atmosphäre in der Geschichte widergespiegelt haben. So habe ich beispielsweise am Anfang durch die elliptischen Sätze und die vielen kurzen aneinandergereihten Hauptsätze das Gefühl von Hektik bekommen, ohne dass es konkret in der Geschichte beschrieben wird.
Es ist der 28. Februar 2025 und ich suche. Laufe in meinem Zimmer hin und her und suche meine Sachen zusammen, packe sie ein und suche weiter. Hosen, Jacken, Mützen, Waffen. Ich sehe sie, die Waffe, wie sie kalt und allein in meiner Tasche liegt.
Nun stehe ich da, allein in der Mitte meines Zimmers, starr und kühl. Der Wecker klingelt, ich erschrecke und packe panisch die letzten Sachen in meine Taschen. Kalte Luft. Der erste Schritt, Tür zu. Ich bemerke den Vogel, der neben mir landet, kümmern tut es mich nicht, also laufe ich los. Er beginnt zu fliegen. Der Vogel fliegt. Es erinnert mich. Ich erinnere mich an den Grund: Frieden. „Mein Land, dem muss ich treu bleiben. Mein Vater, den muss ich stolz machen und leben, will ich doch nur in Frieden", sage ich zu mir selbst, um mir nur ein bisschen Mut zu geben und laufe weiter.
Am Bahnhof, da komme ich an. Da komme ich an und warte. „Zug fährt ein" ertönt es aus einem Lautsprecher, der sich direkt über meinem Kopf befindet. Ich zucke zusammen. Gänsehaut. Ich spüre die Luft, die kalte Luft, die sich mit dem Zug hineingetragen hat und mich nun leicht streift. Angespannt, laut, dreckig. Der Zug fährt ein, ich schaue auf die Anzeigetafel und bleibe stehen. Der nächste, der ist meiner. Warten.
Im Hintergrund nehme ich eine leichte, dumpfe Musik wahr. Musik, etwas, was ich lange nicht mehr gehört habe, klassisch. Ich suche. Laufen tue ich den Bahnsteig zurück und ich suche. Suche nach der Musik. Sie tanzt vor einem Brunnen. Wie ihr Haar leicht durch den Wind weht und sie ihre Hände so zart wie Blumen bewegt und ihr Kleid, ihr Kleid so schön wie sie. Nun stehe ich wieder da, dieses Mal nicht mehr kalt und starr, sondern warm und weich. Ihre Bewegungen fühlen sich richtig an, sie fühlen sich frei an. Fühlen tue ich etwas, was ich noch nie fühlte.
Mein Herz fängt an schneller zu schlagen und fühlen tue ich meine Schweißperlen, die nacheinander die Stirn runterlaufen. Schüchtern laufe ich dennoch auf sie zu, um ihr ein paar Cent in den Becher zu werfen.
Sie packt mich am Arm und zieht mich zu ihr. „Geh nicht in den Krieg, tanze mit mir". Ich folge ihren Bewegungen, als würde ich es schon mein ganzes Leben tun, als hätte ich nie etwas anderes getan. Ich fühle. Ich fühle die Musik, ich fühle den Boden unter meinen Füßen und ich fühle sie. Wie ihre Hand in meiner liegt und wie ihr Haar meine Schulter streift. Ja sogar den Blick, mit dem sie mich ansieht, ja sogar den fühle ich. Frei fühle ich mich.
Da ist er wieder, der Vogel. Er landet neben uns, ich schaue ihn an und beobachte, wie eine Katze kurz davor ist, sich auf ihn zu stürzen. Ich scheuche den Vogel weg und bleibe kurz stehen, nehme dann meine Tasche in meine Hand und schaue sie an. Blickkontakt. „Geh nicht in den Krieg, tanze mit mir", wiederholt sie und nimmt meine Hand. Zwischen einem Hin-und-her-Denken, ob ich doch bleiben oder gehen sollte, höre ich, wie der Lautsprecher im Hintergrund dieses Mal meinen Zug ankündigt. Mein Herz beginnt zu rasen. Ich nehme meine Hand aus ihrer und sage: „Ich bleibe meinem Land treu, mache meinen Vater stolz und komme zurück, dann sind wir frei". Laufen, nein rennen tue ich von ihr.
Der erste Schritt, Tür zu, gefangen. Gefangen im Zug. Panik. Angst. An dem Gedanken halte ich mich, ja der Gedanke, dass ich schütze, ich, ich verteidige. Es ist warm, warm im Zug. Es ruckelt und hier oder dort ist ein Kind zu hören oder ein Kaffee zu riechen. Ich gehe den Gang entlang, Schritt für Schritt. Ich sehe, wie sich ein Kamerad, nein ein Freund, im hinteren Teil des Zuges einen schönen Platz geangelt hat. Gerade habe ich keine Lust zu reden, bin immer noch am Fühlen. Umdrehen und gehen will ich, doch bevor ich die Chance dafür bekomme, höre ich, wie mein Name durch den ganzen Waggon gebrüllt wird.
Keine Lust, ja keine Lust habe ich, mit ihm zu reden. Dennoch gehe ich den Gang entlang. Schritt für Schritt wird seine Stimme lauter, bis ich dann mein Gepäck verstaue und mich neben ihn setze. „Na, wie läuft's, mein Großer?", fragt er mich. Ich schaue ihn an und verstehe ihn erst gar nicht, meine Gedanken bei ihr und gefangen in mir. „Alles gut", antworte ich stumpf und merke seine Enttäuschung, seine Enttäuschung in meiner kalten Antwort.
Im Augenwinkel sehe ich nur, wie er seine Kopfhörer aufsetzt und die Augen schließt. Klassisch. Ich höre die leisen Noten, genau die Noten, die ich schon mal hörte, ihre Noten. Ich schließe die Augen und sehe sie. Ich merke, ja merken tue ich, wie meine Füße die Bewegungen nachahmten und wie meine Hände versuchten, ihre zu halten. Mein Verlangen nach dem Tanz, mein Verlangen nach ihr. Nach einer Zeit stupst mich mein Freund an; der erste Schritt, lauwarm, dreckige Luft, rauer Boden und lautes Getümmel. Ich bleibe für einen Moment stehen und schließe die Augen.
Explosionen, Schreie, Blut. Schreie vor lauter Schmerz. „Kopf runter!" ertönt es neben mir, ducken. Die Waffe in der Hand. Der kalte Stahl bohrt sich in meine Haut. Hoch. Fokussieren. Abdrücken. Runter. Mut. Mut erfasst mich, ich beschütze, ich verteidige. Fokussieren und Abdrücken. Schießen und ducken. Rechts mein Freund, kein Bein, kein Arm. Er kämpft, er schreit, er stirbt. Links ein Kamerad, geduckt, Angst, Panik. Wir bleiben geduckt. „Weiter, los!" Er erschrickt, starrt mich an, Blickkontakt. „Ich kann nicht mehr", sagt er leise und ich erkenne. Erkennen tue ich den Schmerz, das Leid, die Erschöpfung in seinem fast leeren Blick, erkennen tue ich sie sogar bei mir. Er nimmt die Waffe und hält sie sich an den Kopf. „Was soll das? Was machst du? Hoch, weiter!", schreie ich ihn an.
Schuss. Er fällt zu Boden und ich erstarre für einen Moment. Eine warme Träne läuft meine kalten Wange entlang und ich bleibe sitzen. Meine Waffe, ja diese verfluchte Waffe werfe ich weg, weg auf den Haufen voller Waffen. Nach oben schaue ich, nach oben schaue ich und sehe eine Flagge, die Flagge unseres Landes. Sie tanzt im Wind. So erscheint es mir und erinnert mich an sie, ihr Kleid, das ebenso im Wind tanzte. Mir wird klar. Klar, dass ich warm und nicht kalt, frei und nicht gefangen, geliebt und nicht gehasst werden will. Ich will nicht in den Krieg, ich will tanzen, tanzen mit ihr.
BOOM.
Eine Bombe fällt. Explosion, Schreie, Schmerz. Für einen kurzen Moment fühlt sich alles langsam an, ich sehe, wie Kameraden versuchen zu rennen, ich höre ein „Achtung!" und spüre den Boden beben.
BOOM macht es und alles wird schwarz, ja schwarz wird es wie ein leerer Raum.
Augen auf. Spüren tue ich nichts, rein gar nichts. Das Licht ist grell und über mir erkenne ich ganz verschwommen eine Person, ich versuche es, ja ich versuche es so sehr, sie scharf zu sehen, mit der Hoffnung, sie sei es. Ich höre jemanden schreien: „OP 2, Insulin, sofort!". Ein lautes, stechendes Geräusch ertönt.
Schwarz.
Meine Augen mache ich auf. Ich spüre. Ich spüre das kalte Laken des Bettes und die Nadel in meinem Arm. Ich erschrecke und setze mich schnell auf, sehe mich mit aufgerissenen Augen um, um nach der nächsten Bombe Ausschau zu halten. Ich merke, ich bin nicht mehr dort, ich bin jetzt hier. Eine warme, zärtliche, vertraute Stimme ertönt. Ich schaue in die Richtung der Stimme und da ist sie. Ich fühle wieder. Frei fühle ich mich.
Meine Hand, ja meine Hand nimmt sie, ihre fühlt sich warm an, warm und geborgen. Ihr Blick wandert von meinen Augen zu meinem Bein. Ich folge ihm und blicke verwirrt in ihr leidendes Gesicht. „Was ist passiert?", frage ich sie. Erzählen tut sie mir nicht viel, am Tag davor sei ich eingeliefert worden, ohne Bein, ohne Bewusstsein. Blickkontakt. Ihre Augen, so grün wie eine Sommerwiese und ihr Haar so schön wie das Meer. Etwas Schlimmes sagt sie mir, ein Bein verlor ich. Beugen tut sie sich zu mir und umarmt mich.
Ihre Haare erneut an meiner Schulter, ihr Geruch wie damals und ihre Hände streicheln meinen Nacken. Ins Ohr flüstert sie mir, ins Ohr flüstert sie mir: „Es ist okay" und lässt von mir los. Mit ihrem Verschwinden ist auch der Raum kälter geworden.
Schweißgebadet wache ich auf. Dunkelheit umgibt mich und richten, richten tue ich mich auf. Das Licht, ja das Licht mache ich an, ich sitze. „Hattest du wieder einen der Träume?", fragt sie mich verschlafen. Richten tut sie sich ebenfalls auf, streicht mir durchs Haar und sagt: „Du bist nicht mehr im Krieg, tanze mit mir". Beim Verlassen des Bettes richtet sie ihr Nachtkleid zurecht und nimmt meine Hand.
Nun sind wir hier. Nicht mehr kalt, starr, allein, sondern warm, weich und zusammen. In der Mitte meines Zimmers und tanzen. Wir tanzen so, wie wir es schon einmal taten. Mein Blick landet bei ihr, Blickkontakt. Wir tanzen, sie mit Leidenschaft und ich mit nur einem Bein. Verliere das Gleichgewicht, kippe leicht zur Seite, sie fängt mich auf. „Jetzt, jetzt beschütze ich dich.“

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