von Dimitrios Koprinas.
Entstanden im Rahmen der Schreibwerkstatt „Jetzt“ in der Ilse Löwenstein Schule.
Begründung der Jurorin Matilda A. Kaya, YWC-Mitglied für die Auszeichnung als "Die phantasievollste Geschichte":
Ich finde es total spannend, wie der Autor echte physikalische Theorien aufgreift und diese phantasievoll weiterentwickelt, was die Grundlage für eine sehr originelle Geschichte bietet.
Eintrag 1 - 02.04.2026
Ich befand mich im Labor. Die Geräte lagen sorgfältig angeordnet auf den perfekt geputzten weißen Tischen. Ein Vorteil, alleine zu arbeiten, war es, dass alles dort war, wo ich es benötigte. Ich sah zum Generator rüber und ging das Protokoll durch. Der Quantengenerator ist am Strom angeschlossen. „Check", sagte ich laut. Aus Gewohnheit, mit anderen gearbeitet zu haben, musste sich dieser Ablauf in mein Fleisch und Blut gefestigt haben. Der Generator ist dicht verriegelt. „Check", sprach ich erneut, wohl wissend, dass es kein anderes Ohrenpaar in diesem Raum gab, welches meine Stimme hören könnte. Kittel an, Schutzbrille aufgesetzt, Notausgang freigeräumt und – „Check, check, check", zuletzt notierte ich mir die Zeit. 10:00 Uhr. Ich näherte mich dem Generator. Demselben Generator, an den meine Kollegen aufgehört hatten, zu glauben. Sie sagten, ich liefe in eine Sackgasse. Sie sagten, ich könne nicht loslassen und dass selbst Nora aufgehört hatte aufzutauchen. Aber wie könnt ihr so sicher in eurer Annahme sein, ohne alles versucht zu haben? Die Physik ist so unvorstellbar riesig und ihr gebt euch mit 100 Versuchen zufrieden und habt dann noch die Dreistigkeit zu sagen, dass dies reichen würde, um zu wissen, dass es zu nichts führen wird?! Wartet ab, bis ihr meinen Durchbruch seht. Nora, ich werde dir zeigen, dass du die Hoffnung zu früh aufgegeben hast. Ich stand vor der Maschine, die das Potenzial hatte, die Welt auf den Kopf zu stellen. „Versuch Nr. 210 wird durchgeführt in 3, 2, 1." Das Licht fiel aus. Blitze schossen aus dem Generator. Weiß, lila und … schwarz? Der Generator fing an zu rumpeln. Das Thermometer zeigte Temperaturen an, für die das Material, aus dem er besteht, nicht gemacht wurde. Gas trat aus den Öffnungen aus, die ich vorhin verriegelt hatte. Ich trat mehrere Schritte zurück und kauerte mich hinter einen der Labortische. Ich streckte meinen Kopf halb aus der Deckung, als es passierte. Im Bruchteil einer Sekunde implodierte der Generator. Zwei Meter und fünfzig Zentimeter in der Höhe und ein Meter in der Breite, komprimiert zu Staub in einer Geschwindigkeit, die für das menschliche Auge nicht einzufangen war. An seiner Stelle eine schwebende schwarze Kugel. Ich stand langsam auf, um die Kugel näher zu betrachten. Sie strahlte keinerlei Licht aus und reflektierte auch keines. Es schien fast so, als würde sie das Licht selbst einsaugen, ein Loch in der Realität. Tränen liefen an meiner Wange entlang. Ein Schmunzeln formte sich auf meinem Gesicht. Das Schmunzeln wurde zu einem Grinsen, das Grinsen wurde zu einem Kichern und schließlich wurde das Kichern zu einem dröhnenden Lachen. „Ich hab's geschafft! Von Anfang an wusste ich, dass es nicht unmöglich ist!", rief ich, meine Freude nicht mehr zurückhalten könnend. Mich wieder einfangend, näherte ich mich der Kugel weiter an. Umso näher ich kam, wurde das Gefühl, ich würde von der Kugel angezogen werden, stärker. Dies ließ mich meine Vermutung überprüfen. Ich suchte nach einer Taschenlampe, da das Licht immer noch fehlte, und schien den Lichtkegel auf die Kugel. Tatsächlich! Das Licht fing an, sich um sie zu krümmen und in ihr zu verschwinden. Es schien so, als besäße die Kugel einen Spin. Langsam fing ich an zu realisieren: Der Generator ist implodiert, da er von der schwarzen Kugel eingesaugt wurde. Sie hat eine Rotation, ist pechschwarz und saugt alles in sich hinein, was in ihren Ereignishorizont kommt. Ich zweifelte nicht mehr an dieser Möglichkeit. Es ist wahr. Ich hatte ein schwarzes Loch geschaffen. Der erste Mensch in der Geschichte der Physik, der eines der größten Mysterien des Universums erschaffen hat. Und hier sollte es nicht enden. In diesem Moment begriff ich, dass mir die Möglichkeit gegeben wurde, als erster Mensch dieses Mysterium zu ergründen, und so konnte ich mich nicht mehr beherrschen. Meine Hand streckte sich zur Kugel aus. Ich wusste, dass es falsch war. Meine Beine gingen weiter auf sie zu. Ich wusste, dass es gefährlich war. Mein Finger betrat den Ereignishorizont. Ich wusste, dass ich nicht sein will, wenn ich es nicht täte. Dunkelheit
Eintrag 2 - 03.04.2026
Ich spürte, wie mein ganzer Körper langgezogen wurde. Meine Hände waren schätzungsweise 10 Meter von meinen Füßen entfernt. Am Ende, wenn man es überhaupt als solches betiteln könnte, sah ich ein Licht. Ist dies etwa die Singularität? Da ich mit großer Wahrscheinlichkeit so oder so sterben würde, streckte ich ohne zweiten Gedanken meine Hand nach ihr aus und das weiße Licht färbte die ganze Umgebung weiß. Als ich meine geblendeten Augen wieder öffnete, sah ich … mein Labor? Alles sah gleich aus, außer dass die Welt in Grau getunkt worden war. Die Tische standen genau so, wie ich sie heute Morgen angeordnet hatte, und die Utensilien darauf waren ebenfalls genau so sortiert wie heute Morgen. Ich blickte zum Generator. Wie erwartet stand er nicht dort, doch an seiner Stelle befand sich eine weiße Kugel. Den bisherigen Ereignissen zufolge müsste das, was jetzt vor mir schwebte, ein weißes Loch sein. So viele Durchbrüche, dass ich gar keine Zeit hatte, dies alles zu verarbeiten. Sollte ich vor Freude schreien, weinen? Sollte ich vor Furcht schreien und weinen? Ich hätte gerne beides getan, wenn ich könnte, doch wichtiger ist es, das Wissen festzuhalten. Ich griff in meinen Kittel, um mein Notizheft zu holen, welches ich immer bei mir trage. Als ich dann, um zu schreiben, meine Hand sah, erstarrte ich. Meine Hände fingen stark zu zittern an, so stark, dass mein Notizheft zu Boden fiel. Mein Atem wurde unregelmäßiger. Ich blickte nicht länger auf die Hand, die ich seit meiner Geburt kannte, sondern auf ein verzerrtes Bild von ihr. Sie hatte immer noch den mir so bekannten Umriss, bestand jedoch nun aus einer Reihe von hölzernen Zahnrädern. Ich trat, ohne es zu merken, zurück, verlor das Gleichgewicht und fiel rückwärts auf den Boden. Ich sah an meinem Körper entlang, der unter dem Kittel ebenfalls nur noch aus Zahnrädern bestand. Mein Blick wanderte durch den Raum, um zu analysieren, ob sich noch weitere Dinge verändert hatten, doch der Raum schien gleich. Schließlich blieb meine Aufmerksamkeit an der Uhr stehen, so wie die Uhr selbst stehen geblieben war. Die Zeiger bewegten sich nicht, was nicht sein konnte, da ich vorher während des Routinechecks die Uhrzeit abgelesen hatte. Ich fing mich wieder ein, denn es galt, ein Experiment durchzuführen. Ich griff erneut nach der Taschenlampe, dieses Mal nicht, um auf die Kugel zu leuchten, sondern um sie loszulassen. Zu meiner Überraschung fiel sie ganz normal herunter und prallte auf den Boden. Ich begann, mir alles zu notieren, und fügte Anmerkungen hinzu, wie dass Objekte nicht aus Zahnrädern bestanden und dass Uhren hier scheinbar nicht funktionieren. Als ich fertig war, ging ich zur weißen Kugel und berührte sie. Im Nachhinein betrachtet war dies eine nicht so schlaue Idee, rein von den Sachen, die dabei schiefgehen hätten können, doch meine Vermutung, dass die Kugeln als eine Art „Tür" funktionieren, wurde bestätigt, denn ich kam wieder in meine richtige Welt zurück. Das Labor war wieder strahlend weiß anstatt grau und die Uhr war erneut am Ticken. Mein Kopf war so voller Gedanken, dass sie regelrecht herausliefen. „Ich muss Nora anrufen."
Eintrag 3 - 04.04.2026
„Ivan?", erklang es hinter mir, als ich gerade damit fertig geworden war, ein Gerüst um die schwarze Kugel zu errichten, um sie zu verstecken.
„Nora! Hi, hallo, wie geht's dir?", sagte ich eilig und wendete mich sofort wieder ab, ohne ihr die Möglichkeit zu geben, meine ohnehin nicht ernst gemeinte Frage zu beantworten. Perplex ließ ich sie stehen und packte die Decke, die ich über die Vorrichtung legte, und zog sie herunter.
„Ich habe es geschafft, ein schwarzes Loch zu kreieren. Ich habe bereits einen Blick hinein geworfen und die Theorie, dass ein schwarzes Loch zu einem weißen Loch führt, entspricht der Wahrheit. Ich habe noch eine Theorie, für die ich allerdings etwas Lebendes brauche, tu mir den Gefallen und bleib einfach dort stehen, wo du bist." Ohne auf eine Antwort zu warten, blickte ich kurz auf die Uhr, griff nach der Kugel und hörte noch, wie Nora rief, dass ich warten solle, doch ich befand mich bereits im Ereignishorizont. Als ich in der Paralleldimension angekommen bin, sah ich neugierig zu Nora. Wie erwartet war sie nur noch eine Silhouette ihrer selbst, gefüllt mit denselben hölzernen Zahnrädern, aus denen auch ich bestand. Sie bewegte sich nicht. Kein Muskel oder besser gesagt kein Zahnrad rührte sich. Ich blickte auf die Uhr. Dieselbe Uhrzeit wie im Moment des Betretens. Sie so zu sehen, ließ mich wieder dieselbe quälende Neugier verspüren, wie ich es tat, als ich zum ersten Mal vor der schwarzen Kugel stand. Ich konnte nicht anders, als mich ihr zu nähern und einen genaueren Blick auf die Zahnräder zu werfen. Es waren mehrere Auffälligkeiten zu erkennen. Dort, wo sich die Gelenke befinden müssten, waren etwas größere Zahnräder platziert, die sich allerdings in dieselbe Richtung wie das entsprechende Gelenk bewegen würden. Fast wie bei einer Puppe. Dort, wo sich das Herz befinden würde, stand das mit Abstand größte Zahnrad und dort, wo das Gehirn hätte sein sollen, war ebenfalls ein relativ großes Zahnrad, umgeben von vielen kleinen Rädchen. Ich wollte wissen, wie sich die zwei Dimensionen gegenseitig beeinflussen und so fing ich mit etwas Harmlosem an. Ich packte den Arm von Nora und streckte ihn aus. Es war faszinierend. Ich sah, wie sich die Zahnräder im Arm anfingen zu bewegen, ich spürte den Widerstand, den die Räder aufbrachten, und ich hörte, wie sie sich gegenseitig drehten. Um die Resultate zu prüfen, begab ich mich wieder zurück. Ich riss die Augen voller Freude auf, als ich sah, wie Nora mit einem ausgestreckten Arm vor mir stand. Sie erschrak, als sie es bemerkte. Kein Wunder, für sie musste es in einem Wimpernschlag passiert sein. Die Möglichkeiten waren zu zahlreich, zu verlockend, um jetzt nicht in Ekstase zu verfallen. Wie in einer Trance reiste ich zwischen den Dimensionen umher. Was für Nora keine fünf Minuten waren, waren für mich Stunden an Forschung. Ich testete, wie weit ich die Realität biegen könne, indem ich mit den Zahnrädern in Noras Körper interagierte. Die größte Erkenntnis, die ich dabei gewonnen hatte, ist die, dass die Zahnräder mit der Zeit zu tun hatten. Ich konnte also das jetzige Ich der Person verändern. Beispielsweise fand ich heraus, dass, wenn man einzelne Zahnräder drehte, man die Zeit in dieser Region des Körpers veränderte. Ich erkannte, dass Nora sich an ihrem Unterarm geschnitten hatte. Also drehte ich das entsprechende Zahnrad gegen den Uhrzeigersinn und voilà, hatte es die Verletzung nie gegeben. Ich wollte jedoch mehr. Es müssten drastischere Veränderungen möglich sein. Und so nahm ich mir das Herzrad vor. Zweifel oder Moral hatten keinen Platz mehr in meinem Denken. Es zählte, so viel wie möglich herauszufinden. Wenn man das Herzrad drehte, wurde das Alter der Person verändert, dies hieß im Umkehrschluss, wenn man das Herzrad einklemmen könnte, wäre man effektiv unsterblich. Diese Erkenntnis hatte mich scheinbar nur noch blinder gegenüber Konsequenzen gemacht, da ich den schwarzen Rissen, die in der Paralleldimension entstanden waren, keine Beachtung geschenkt hatte. Es blieb nur noch ein Zahnrad übrig, von dem ich die Funktion noch nicht kannte, das, welches sich an der Stelle des Gehirns befand. Ich drehte es gegen den Uhrzeigersinn und verließ die Dimension.
„Wie geht's dir?", fragte ich mein Versuchsobjekt.
„Ich bin etwas verwirrt. Wann bin ich hierher gefahren und was ist das für eine Kugel hinter dir?"
Als ich diese Worte hörte, überkam mich eine Gänsehaut, wie ich sie noch nie bisher erlebt hatte. Ich war in der Lage, die Erinnerungen von Menschen zurückzudrehen. Im selben Moment traf mich eine zweite Welle an Gänsehaut. Ich stürmte augenblicklich zur Kugel, die Dimension war mittlerweile komplett von schwarzen Rissen durchdrungen, doch ich hätte mich nicht weniger dafür interessieren können, denn wenn meine Theorie stimmen würde, könnte ich Wissen erlangen, welches mich zu einem höheren Wesen verwandeln würde. Denn wenn ich in die Vergangenheit spulen konnte, dann würde mir die Zukunft ebenfalls offenstehen. Ich packte das Zahnrad in meinem Kopf und versuchte, es zu drehen, doch es bewegte sich nicht. Das kann nicht sein. Ich konnte mich nicht damit zufriedengeben! Ich war so weit gekommen, da konnte ich jetzt nicht aufhören! Ich holte meine zweite Hand dazu und versuchte mit aller Kraft, das einzige Rad, das zwischen mir und Göttlichkeit stand, zu drehen. Es passierte alles in einem Moment. Die Schraube am Zahnrad brach, gleichzeitig rissen die Wände meines Labors auf und die Fetzen meiner Realität flogen ins Nichts. Durch das Zerstören des Mechanismus fielen alle Räder in meinem Körper auseinander. Ohne Augen erblickte ich, wie sich das Weltall über mir ausbreitete, doch es war nicht schön und hell. Es war tot und dunkel. Schwarze Kugeln schwebten Lichtjahre von mir entfernt. Ich befand mich ebenfalls auf so einer Kugel. Ohne Gehirn begriff ich, dass alle Sterne schon längst gestorben waren und nur noch die schwarzen Löcher übrig sind. Ich begriff, dass ich mich am Ende der Zeit befand und dass das Universum am Sterben war. Und ohne Mund sagte ich: „Ich wollte die Zukunft sehen und sehe sie nun. Ich bin hier, am Ende von jedem und allem. Nichts wird jemals wieder passieren und existieren. Alles wird sterben. Außer ich. Hier, gefangen und für ewig seiend. Alleine im Nichts. Selbst die Zeit werde ich überdauern. Ja, ich wurde zu Gott und ich will sterben."

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