von Shabnam Karimi.
Entstanden im Rahmen der Schreibwerkstatt „Jetzt“ in der Ilse Löwenstein Schule.
Begründung der Jurorin Matilda A. Kaya, YWC-Mitglied für die Auszeichnung als "berührendste Geschichte":
Mir ist bei dieser Geschichte besonders positiv aufgefallen, wie sie einen auf eine emotionale Achterbahn führt. Zunächst war die Atmosphäre friedlich, und dann wurde es mit dem Zerbrechen der Statue auf einmal traurig. Beim Wiedersehen mit Valentina wurde die Atmosphäre wieder friedlich, obwohl man als Leser schon die Vorahnung hatte, dass etwas Schlimmes passieren würde. Durch den Kontrast von fröhlichen/friedlichen und traurigen Szenen wurden die traurigen Momente umso berührender für den Leser.
Wie an jedem Morgen erwacht Juan durch das Eindringen der ersten Sonnenstrahlen in seiner kleinen Hütte. Mit seinen 65 Lebensjahren braucht Juan eine gute Weile um aus dem Bett zu kommen, doch diese Gewohnheit trägt ihn durch den Tag. Neben ihm wartet Mariposa, seine Treue Schäferhündin. Er lächelt leicht und streicht ihr über ihren Rücken. Für einen Moment scheint alles richtig und üblich
Juan begibt sich langsam in den Vorhof seiner kleinen Hütte, dort verteilt er Futter für die streunenden Tiere, die ihm durch seine tägliche Fürsorge bereits vertrauen. Mariposa bleibt ganz dicht bei ihm so wie damals, als er sie vor 15 Jahren als verängstigten Welpen hier gefunden hatte. Seitdem ist sie sein Schatten sein Trost und sein Halt.
Anschließend wendet er sich seinen Pflanzen zu. Mit ruhigen und sanften Bewegungen gießt er sie, richtet ihre Blätter und betrachtet die Blüten seiner Orchideen und Bougainvillea. Doch sein Blick ruht auf er seiner weiblichen alebrije Valentina.
Vorsichtig Staubt er all seine Alebrijes ab, dies tut er ebenfalls jeden Morgen, vorallem bei Valentina lässt er sich Zeit auch den Staub der auf ihr lag wurde vorsichtig von ihm abgewischt, er fährt mit den Fingern über die glatte Oberfläche. In seinem Inneren wird es ganz eng und Erinnerungen kommen hoch: ihr Lachen, ihre Stimme, ihr wunderschönes Haar, die Wärme ihrer Nähe.
Alles um ihn herum beginnt zu verschwimmen. Tränen steigen in seinen Augen, laufen langsam über sein Gesicht. Juan wird es nicht bewusst das die Welt um ihn herum leise wurde.
Mariposa hingegen spürt direkt, dass etwas anders ist. Unruhig läuft sie ununterbrochen hin und her, dann entdeckt sie einen Schmetterling. Mit einem aufgeregten Sprung jagt sie ihm nach.
Mariposa, vorsichtig Murmel Juan noch, zu spät.
Wie ein Wirbelwind fegt sie an ihm vorbei. Juan verliert den Halt. Der Alebrije gleitet aus seinen Händen.
Ein kurzer Moment, in dem alles still steht.
Dann ertönt ein scharfes zerbrechendes Geräusch.
Die Figur zersplittert auf dem Boden.
Juan fiel auf die Knie. Sein Atem stockt. Es fühlt sich so an, als würde ein Teil von ihm zerbrechen. Hastig greift er nach den Scherben, hält sie fest, er hält sie viel zu fest. Die scharfen Kanten schneiden in seine Haut, doch er lässt nicht los. Blut tritt aus seinen Händen vermischt sich mit den Tränen die in Strömen fließen.
Er hat das Gefühl, seine Valentina ein zweites Mal verloren zu haben.
Ganz plötzlich sieht er im Augenwinkel etwas funkeln.
Juan hält inne. Sein Herz schlägt schnell aber diesmal anders. Vorsichtig löst er ein kleines Objekt aus den Bruchstücken, seine Hände zittern.
Ein Schlüssel, aber woher?
Juan starrt ihn in seiner blutbeschmierten Hand verwundert, voller Neugier und Hoffnung an. Er wirkt beinahe fremd, und doch fühlt er sich seltsam vertraut an. Langsam geht er zurück in sein kleines Haus. Drinnen ist es still.
Er setzt sich in seinen alten Holzstuhl, der leise knirscht, als er sich zurück lehnt. Draußen hört man etwas Musik, eine Ranchera, die durch die Straße weht.
Juan betrachtet den Schlüssel in seiner Hand erneut, „aber wofür?“ Fragt er sich.
Gedankenverloren beginnt er auf dem Stuhl vor und zurück zu Wippen. Das gleichmäßige knirschen, mischt sich mit den Geräuschen der Straße. Sein Blick fällt immer wieder auf die Wand vor ihm. Die Klappe.
Alt, unscheinbar und fast vergessen. Als er damals eingezogen war, hatte er mehrmals versucht, sie zu öffnen. Ohne Erfolg. Irgendwann hat er sie einfach ignoriert. Wie so viele Dinge, die sich im Leben nicht erklären lassen.
doch heute fühlt es sich anders an.
Langsam beugt er sich nach vorne, die Luft scheint schwer zu werden. Sein Herz pocht. mit zitternden Fingern setzt er den Schlüssel an. Er passt, ein leises klicken ertönt. Juan hält den Atem an.
Vorsichtig hebt er die Klappe. Sie gibt sofort nach ohne jeglichen Widerstand, doch dahinter befindet sich keine Dunkelheit, sondern ein warmes, goldenes Licht flackert ihm entgegen, wie das Licht von Kerzen an einem Alter am Dia de los Muertos. Seine Augen weiten sich das erste Mal aus, das erste, was ihm einfällt, „Valentina“, flüstert er. ohne es weiter zu bedenken, geht er dem Licht nach. Die Welt um ihn herum beginnt zu verschwimmen. Farben tanzen, bekannte Stimmen kehren, zurück, lachen, Musik und das klirren der Gläser. Es ist so, als würden die Erinnerungen ihn umarmen.
Plötzlich steht er auf. Er ist nicht mehr in seinem Häuschen. Er steht in einem anderen Raum kleiner einfacher und vor allem vertrauter, sein Atem stockt. Die Wände, die Möbel, die Luft erfüllt von Duft nach frischen Tortillas und süßen Blumen. Sonnenlicht fällt durch die Fenster und taucht alles in ein warmes Gold. Er erkennt alles sofort das Haus seiner Kindheit. Seine Hände beginnen zu zittern. Er dreht sich langsam um und betrachtet jede Ecke, als könnte sie jeden Moment verschwinden.
Von draußen dringen. Stimmen herein, fröhlich, lebendig eine Gitarre spielt. Jemand lacht laut. langsam hebt er seine Hände und erstarrt. Keine Falten keine Narben der Zeit. Keine zitterten, Finger eines alten Mannes. Seine Hände sind jung, glatt und kräftig. Hastig fährt er sich durchs Gesicht, keine eingefallene Wangen keine raue Haut. Er spürt es sofort sein ganzer Körper fühlt sich so leicht und stark an. „Aber wie?“ Flüstert er. Er dreht sich um, stolpert ein paar Schritte zurück, bis er an einer Fensterscheibe eines Hauses vorbeikommt. Sein Blick fällt hinein er steht sich selbst gegenüber nicht der Mann, der er geworden ist, sondern der Junge, der einmal war. 19 Jahre alt.
Sein Herz beginnt noch schneller zu schlagen und nicht nur vor Angst, sondern vor Erkenntnis. Er ist nicht nur in der Vergangenheit. Er ist wieder der Junge von damals jeder Fehler, jede Entscheidung, alles steht wieder vor ihm.
Juan verlässt das Haus und steht, wie er starrt, im Innenhof seines Elternhauses. Stimmen, Musik und das warme Licht der mexikanischen Sonne umgeben ihn doch für ihn, existiert nur eine Person, Valentina. Langsam geht er auf sie zu. Jeder Schritt fühlt sich schwer an, als würde die Zeit selbst ihn beobachten. Sie lächelt ihn an, so selbstverständlich so voller Leben, dass es ihm fast das Herz zerreißt.
„Juan,Was ist los mit dir?“ fragt sie leise und mustert ihn. „ Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“
Er schluckt. „Vielleicht… habe ich das.“ sie lacht sanft, versteht ihn nicht und genau das tut weh. Für einen Moment stehen Sie sich einfach nur gegenüber. Juan nimmt jedes Detail in sich auf: ihre Stimme, ihre Augen, die Art, wie sie ihn ansieht. Dinge, die er viel zu lange vermisst hat. Dann reicht sie ihm das kleine Geschenk, dass sie in den Händen hält. „Hier“ sagt sie lächelnd. „Für dich!“ „damit du mich nie vergisst.“ Seine Hände zittern beim annehmen. Langsam öffnet er es eine kleine Porzellanfigur, ein Alebrije. Für einen Moment bleibt die Welt stehen. Juan hält den Atem an. Genau diese Figur die Jahre später zerbrechen wird, der Moment der alles ins Rollen gebracht hat.
„Er soll dir Glück bringen,“ sagt Valentina.
Valentina… sagt er leise.
Sie schaut ihn an, ihr Lächeln wird sanfter,“was ist?“
Er zögert. So viele Worte liegen ihm auf der Zunge Warnungen, bitten, Angst. doch nichts davon bringt er wirklich heraus. „Bleib heute bitte einfach bei mir, nur heute!“
Valentina legt den Kopf schief, „ ich bin doch hier.“ antwortet sie ruhig.
Juan atmet tief durch vielleicht… Vielleicht Ist es jetzt anders.
Doch dann ruft jemand von draußen: „Valentina! Kommst du?“
Juan spannt sofort den Griff um die Porzellan Figur an.
„Du musst nicht gehen!“, sagt er schnell. Valentina schaut hin und hergerissen zu ihm und zum Tor. sie sagt schließlich leise, „ich bin gleich zurück.“ Juan schüttelt den Kopf „bitte…“
Doch sie lächelt nur sanft und legt kurz ihre Hand auf seine und geht. Juan bleibt stehen, sein Herz schlägt laut in seiner Brust. sie kommt wieder „na siehst du hier bin ich doch wieder.“ Juan atmet auf. Er führt sie weg vom Tor tiefer in den Hof, weiterhin hinein ins Haus. Vor allem ganz weit weg von der Straße, weg von dem Moment, den er so gut kennt.
Die Stimmen draußen werden lauter, jemand ruft nach ihr doch diesmal geht sie nicht. Die Zeit vergeht nichts passiert. Kein Knall, keine Unruhe. Juan spürt, wie sich seine Spannung langsam löst. Ein unglaubliches Lächeln huscht über sein Gesicht. Vielleicht geht es jetzt, vielleicht kann sie jetzt bei mir bleiben.
Valentina lächelt. Siehst du? Es ist alles gut mi amor.
Doch genau in diesem Moment, ein lautes krachen. Nicht von draußen, sondern von innen. Ein Regal an der Wand beginnt zu wackeln alte schwere Kerzenhalter geraten ins Rutschen. Juan reißt die Augen auf „Valentina… Pass auf!
Zu spät.
Das Regal kippt, ein dumpfer Aufprall. Stille. Juan steht wie eingefrorener. Sein Atem bleibt stehen, während er nach vorne tritt. Nein…nein…nein… Er sinkt auf die Knie, seine Hände zittern. Er hat alles verändert den Ort, den Moment. Aber nicht das Schicksal, Tränen laufen über sein Gesicht, als er sie vorsichtig festhält. Juan wacht in einem Ruck auf, seine Augen völlig Tränengefüllt er schaut zur Alebrije Valentina und bricht zusammen diese liegt zerbrochen da. In diesem Moment begreift er, die Zeit lässt sich verschieben aber entkommen kann man ihr nicht. „Oh Valentina mi Amor.“

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