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Wer Sicherheit für Freiheit eintauscht, wird beides verlieren

von Bruno Starke.

Entstanden im Rahmen der Schreibwerkstatt „Jetzt“ in der Ilse Löwenstein Schule.

Begründung der Jurorin Matilda A. Kaya, YWC-Mitglied für die Auszeichnung als "Der spannendster Umgang mit dem Thema (“jetzt”)"

Diese Geschichte hat mich besonders mitgenommen, da die Debatte „Sicherheit vs. Datenschutz“ ja sehr aktuell ist (vor allem mit Blick auf den Gesetzentwurf zur Speicherung von IP-Adressen, der ja noch verhandelt wird). Ich fand es spannend zu lesen, wie eine dystopische Zukunft aussehen könnte, in der „Datenschutz“ zu Gunsten von „Sicherheit“ komplett vernachlässigt wird und welche Folgen das hat.


15.02.2063, 21:51 Uhr, leichter Nieselregen. Blinker rechts, runter von der Autobahn. Am Ende der Abfahrt eine Kreuzung. Kupplung treten, leicht anbremsend, auf einmal ein Ruck durchs ganze Auto, das Bremskabel ist gerissen. Was nun, die Ampel ist rot und immer noch 80 km/h auf dem Tacho, links und rechts Bäume. Der schwarze Mercedes rast quer über die Kreuzung, bis das Unausweichliche passiert: ein Knall, ein Hupen, Glas splittert, ein roter Kleinwagen schlittert über die Kreuzung und landet in einem Graben. Ein gebrochenes Bein, Schmerzen im Brust- und Bauchbereich, der Fahrer des schwarzen Mercedes, welcher ungebremst über die Kreuzung raste, versucht immer noch, aus seinem Wagen zu klettern, doch der Anschnallgurt hängt.

Er kämpft, er kämpft um sein Leben, um aus diesem Wagen herauszukommen. Zwei bis drei Minuten vielleicht, so lange dauert es, bis er es merkt. Er schmeckt Blut, sein Speichel ist tiefrot.

Ihm wird kalt, die Kälte legt sich wie ein Tuch über ihn, er weiß es, er spürt es. Langsam wird eine Sirene in der Ferne lauter, ihm ist das egal, er hat den Kampf aufgegeben.

 

16.06.2062, 3:53 Uhr, ein schriller Alarm von draußen. „Wahrscheinlich wieder ein Fehlalarm der öffentlichen Kameras", denkt er und dreht sich auf die Seite. Auf einmal dringt ein weiterer Alarm durch die Nacht, diesmal kein öffentlicher Alarm. Er richtet sich auf, erkennt diesen Alarm, er kommt von einem Haus die Straße hoch. Er steht auf, zieht sich seinen Bademantel über und schlurft ins Wohnzimmer. Der Alarm kreischt immer noch, fast hysterisch, wie ein Hilfeschrei. Große, schwere Vorhänge bedecken die lange Fensterfront, von der man in seinen Garten und ein wenig auf die Straße gucken kann. Noch etwas benebelt vom Schlaf betätigt er einen Knopf und die Vorhänge werden zur Seite gezogen, etwas Mondlicht erhellt nun sein Wohnzimmer.

Mit einer Tasse Tee lässt er sich in den großen Ledersessel sinken, um das Geschehen draußen beobachten zu können. Der Blick auf die Straße ist spärlich, aber es reicht, um erst eine schwarze Gestalt und kurz dahinter zwei Nachtschicht-Roboter der Polizei zu erkennen. Er springt aus seinem Sessel, „ein Einbrecher? Hier in diesem Viertel? Das gab es ewig nicht", denkt er.

 

03.07.2062, 14:26 Uhr, schon wieder ein Brief der Behörde für öffentliche Sicherheit, es geht um „verdächtiges Verhalten in der Öffentlichkeit nach §184 Verhaltensrecht", er verdreht die Augen, wahrscheinlich hat eine Kamera erfasst, wie er genervt guckt oder irgendetwas fotografiert. Bei solchen Fällen greift das Anti-Terror-Protokoll, dabei wird das Gesicht des Verdächtigen mit allen Datenbanken abgeglichen und anschließend ein Untersuchungsverfahren eingeleitet. Das Protokoll soll eigentlich Anschlägen vorbeugen. Knips, kurz ein Bild an den Anwalt, der kümmert sich darum. „So wie immer", denkt er, „schon komisch", er ist doch kein Attentäter. Und trotzdem ständig diese Briefe. „Dafür gibt es keinen Terror mehr", denkt er, „aber naja, die Angst bleibt, die Angst vor dem plötzlichen Anschlag bleibt immer", denkt er. „Es geht um Sicherheit und Verantwortung", heißt es immer, „es geht um die Freiheit der Gesellschaft als Ganzes". „So ein Quatsch", denkt er, „was haben wir bloß geopfert für diese Sicherheit, für diese Absicherung vor allem, was wir fürchten." „So kann es nicht weitergehen", denkt er, „ich muss daran etwas ändern."

 

19.08.2062, 20:00 Uhr, „Und damit herzlich willkommen zur Tagesschau. Eine Eilmeldung erreichte uns kürzlich", sagt der Nachrichtensprecher im grauen Anzug mit brauner Krawatte, Manschettenknöpfen und zurückgegelten Haaren. „Ein Jungunternehmer war in die Talkshow „Zukunft durch Innovation" eingeladen, um ursprünglich über den Aufbau seines KI-Start-ups zu erzählen", sagt der Sprecher mit einer fast roboterartigen Stimme. „Stattdessen wechselte er nach kurzer Zeit das Thema und fing an, über Überwachung im öffentlichen Raum und Einschränkung des Einzelnen durch Sicherheitsmaßnahmen zu sprechen. Zudem stellte er die These „Wer Freiheit für Sicherheit eintauscht, wird beides verlieren" auf. Dass diese Diskussion seit dem Beschluss der EU für gesamtgesellschaftliche Sicherheit völlig überflüssig ist, schien den Unternehmer nicht zu interessieren. Er wird nun von der Behörde für öffentliche Sicherheit geprüft und steht vorerst unter Arrest."

 

23.11.2062, 23:31 Uhr, schon wieder ein Konto gesperrt. Er steht vom Ledersessel auf, stellt seine Tasse auf den Wohnzimmertisch aus Glas und schlurft ins Arbeitszimmer. Er setzt sich, öffnet seinen Laptop und tut das, was er immer tut, wenn ein Account wegen „sicherheitsrelevanter Hassrede" gesperrt wird. Neue E-Mail, neuer Account, Bio vom alten Copy-Pasten und direkt der erste Post: „Hey Leute, schon wieder ein Account weg. Sie wollen nicht mit mir diskutieren, wollen meine Argumente nicht… Bingggg", eine E-Mail. [email protected], schon wieder ein Brief der Staatsanwaltschaft, sie wollen, dass er aufhört. Würde er nicht von seiner These „Wer Sicherheit für Freiheit eintauscht, wird beides verlieren" ablassen, würde das ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen. Sie hätten ihn gewarnt, heißt es. „Niemals", denkt er, „niemals werde er den Kampf für die Freiheit des Einzelnen und die Demokratie in diesem Land aufgeben."

 

01.02.2063, 21:23 Uhr, schnell vom Office nach Hause, „ziemlich ungemütlich draußen", denkt er und steigt in seinen schwarzen Mercedes. Es sind knappe 30 Minuten nach Hause, also schnell auf die Autobahn. 160, 170, 180 km/h. Spurwechsel. Blinker rechts, runter von der Autobahn.

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